„Keine deutsche Atombombe.“ Mit drei Worten schließt der CDU-Vorsitzende eine Tür, die angesichts der bröckelnden Sicherheitsarchitektur Europas längst hätte geöffnet werden müssen. Es geht hier nicht um den sofortigen Bau von Sprengköpfen, sondern um die intellektuelle Bereitschaft, über die ultimative Sicherheitsgarantie nachzudenken. Merz aber signalisiert: Selbst das ist tabu.
Das ist keine verantwortungsvolle Staatskunst, sondern eine Flucht aus der Realität. Während Donald Trumps Schatten erneut über der NATO schwebt und Putins Russland die europäische Friedensordnung zertrümmert, klammert sich die deutsche Politik an pazifistische Reflexe aus einer vergangenen Epoche. Die Merz-Doktrin ist der Versuch, die brutale Komplexität des 21. Jahrhunderts mit den einfachen, bequemen Antworten des 20. zu lösen. Ein strategischer Anachronismus.
ANALYSE: Dieses Denkverbot lähmt nicht nur die Opposition, sondern die gesamte politische Elite. Kanzler Scholz' viel beschworene „Zeitenwende“ verkommt zur hohlen Phrase, wenn die fundamentalste aller Sicherheitsfragen – die nukleare Abschreckung nach dem möglichen Ende des US-Schutzschirms – von vornherein ausgeklammert wird. Paris und London mögen über die Zukunft der europäischen Autonomie streiten, doch Berlin beteiligt sich nicht einmal an der Diskussion. Es ist eine selbstgewählte Irrelevanz in der wichtigsten Sicherheitsfrage unserer Zeit.
Die eigentliche Fahrlässigkeit liegt nicht im Nachdenken über nukleare Optionen, sondern im hartnäckigen Weigern, dies zu tun. Strategische Planung bedeutet, alle Szenarien durchzuspielen. Eine europäisierte französische „Force de frappe“? Eine tiefere nukleare Teilhabe? Sogar eine nationale Ultima Ratio als letzte Option? Allein das Stellen dieser Fragen ist das Minimum an strategischer Vorsorge für eine europäische Mittelmacht. Sie zu verbieten, ist das Maximum an strategischer Naivität.
Merz' Vorstoß mag innenpolitisch populär sein. Er bedient die deutsche Seele, die sich nach Sicherheit sehnt, ohne den Preis dafür anerkennen zu wollen. Doch für die Sicherheit Deutschlands und Europas ist diese Haltung brandgefährlich. Die Frage ist nicht mehr, ob Deutschland über die Bombe nachdenken sollte, sondern wie lange es sich noch leisten kann, es nicht zu tun.