Die Angriffe auf die Grünen während des CDU-Parteitags waren mehr als nur taktisches Geplänkel. Sie waren eine ideologische Kriegserklärung. Indem Friedrich Merz den Grünen die Zugehörigkeit zur „bürgerlichen Mitte“ abspricht, versucht er, das politische Spielfeld fundamental neu zu ordnen. Der Hauptgegner ist nicht mehr der traditionelle Rivale SPD, sondern der kulturelle und programmatische Antipode: Bündnis 90/Die Grünen.
ANALYSE: Warum dieser scharfe Fokus? Dahinter steckt eine duale Strategie. Erstens, die Mobilisierung der eigenen Basis. Der Kampf gegen eine vermeintliche „grüne Verbotskultur“ und „Deindustrialisierung“ ist ein emotionaler Anker für konservative Wähler, die sich in den pragmatischen Merkel-Jahren politisch heimatlos fühlten. Merz gibt ihnen ein klares Feindbild zurück. Zweitens ist es der Versuch, die programmatische Unschärfe der Großen Koalitionen endgültig hinter sich zu lassen und ein klares, kantiges Profil zu schaffen. Die CDU will nicht mehr als Verwalter des Status quo wahrgenommen werden, sondern als die einzige echte Alternative zur Ampel-Regierung.
Doch diese Strategie birgt erhebliche Risiken. Sie schließt potenzielle Koalitionsoptionen auf Bundes- und Landesebene – Stichwort Schwarz-Grün – argumentativ fast aus. Das verengt den strategischen Spielraum erheblich. Zudem droht sie, moderate, urbane Wählerschichten zu entfremden, für die Klimaschutz und gesellschaftliche Modernisierung zentrale Themen sind. Merz setzt alles auf eine Karte: die Rückgewinnung von Wählern am rechten Rand, selbst auf die Gefahr hin, die anschlussfähige Mitte zu verlieren, die Angela Merkel über Jahre erfolgreich besetzt hatte.
Der lachende Dritte in diesem Szenario ist die SPD. Während die CDU ihre gesamte Energie auf die Dämonisierung des grünen Koalitionspartners verwendet, kann sich Kanzler Olaf Scholz als staatstragende, mäßigende Kraft inszenieren. Die Union liefert der Ampelkoalition unfreiwillig den Kitt, der sie zusammenhält: einen klar definierten gemeinsamen Gegner. Die CDU-Fokussierung macht die SPD nahezu unsichtbar – und damit für den Moment unangreifbar.
Der Parteitag in Stuttgart war somit mehr als eine reine Programmdebatte. Es war die öffentliche Proklamation einer neuen strategischen Ausrichtung. Die CDU unter Merz sucht den Kulturkampf, weil sie glaubt, ihn gewinnen zu können. Ob diese Rechnung aufgeht oder ob sie sich damit für wichtige Wählergruppen unwählbar macht, wird die entscheidende Frage bis zur nächsten Bundestagswahl sein.