Die genannte Lawine indessen entwickelte sich erst, als diese NBG-getragenen Bachfeste (alle fünf Jahre in Leipzig, ansonsten in wechselnden deutschen Städten und gelegentlich auch einmal außerhalb der Landesgrenzen angesiedelt) als auslösender „Schneeball“ eine wahre Flut von Nachfolgeinitiativen rund um den Erdball bis hin nach Paraguay, Malaysia und dem südindischen Bundesstaat Kerala nach sich zogen. Manche bleiben in eher lokaler, aber vor Ort dennoch prägender Ausstrahlung wie die in Greifswald oder Würzburg, andere suchen internationale Prominenz wie seit Jahrzehnten das fränkische Ansbach oder bauen an Langzeitprojekten wie die Appenzeller Bachtage mit ihrem kompletten Kantatenzyklus unter theologisch-philosophischer Begleitung; einen weiteren Schwerpunkt neben dem deutschsprachigen Raum bilden die USA. Insgesamt weist eine Tafel am Ausstellungsende weltweit 82 derartige Festivals aus, doch darf man diese Zahl getrost dynamisch interpretieren: noch am Tag vor der Eröffnung kam die Vermeldung, dass auch das bisher nicht erfasste Wien ein eigenes Fest unter Bachs Namen veranstaltet. Um externe Inhalte anzuzeigen, ist Ihre widerrufliche Zustimmung nötig.
Dabei können personenbezogene Daten von Drittplattformen (ggf. USA) verarbeitet werden. Dabei herrscht der Zyklus von Leben und Sterben, eines der großen Themen des Thomaskantors, auch in seinem eigenen Nachwirken. Manchen relativ jungen Initiativen stehen andere gegenüber, denen oft nach Jahrzehnten das Sterbeglöckchen läutete – und das nicht nur (unter anderem) auf Madeira oder in Lüdenscheid: auch Berlin, die Stadt des ersten NBG-Bachfestes überhaupt, schnitt diesen Traditionsstrang wegen finanzieller Auszehrung schon zur letzten Jahrtausendwende wieder ab. Doch solche wehmütigen Reminiszenzen hindern die Ausstellung natürlich nicht, aus dem positiv Vorhandenen eine vielstimmige Augensymphonie und Bachfest-Wunderkammer zu komponieren.
Da gibt es nicht nur fast 60 Plakate aus vieler Herren Länder, die sich bis ins Treppenhaus ausdehnen, sondern auch eine chronologische Programmheft-Reihe der NBG-Feste vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute und dazu eine wahre Flut von Fotos, Postern, Schriftzeugnissen und Souvenirartikeln der ergreifenden bis kuriosen Art. So findet sich neben zwei Originalbriefen von Albert Schweitzer und Werner Heisenberg beispielsweise auch Helmuth Rilling als werbende Bobblehead-Kopfwackelfigur für das von ihm mit begründete Oregon Bach Festival. Um hier angesichts der Dokumentenfülle und ihrer mosaikartigen Farbenkreise nicht in Wirrnis zu geraten, sind alle Kommentartafeln mit pink- und magentafarbenen Fonds hinterlegt: eine Idee, in der sich Zweckmäßigkeit und Sinnlichkeit zusammenfinden.
Dabei weckt die Lektüre der knapp-bündigen Erklärtafeln und -kommentare das Bedürfnis nach mehr: Kaum ein Bach-Ausstellungsthema der letzten Jahre bietet sich derart für eine ausgedehntere Publikation an wie der nach vielen Seiten ins Politische wie Ästhetische ausgreifende Komplex seiner institutionalisierten Pflege. So bei Betrachtung der in vielen Komponenten brisanten Geschichte der NBG-Bachfeste zwischen ihrer Nachkriegswiederaufnahme 1950 und 1990, die – während der deutschen Zweistaatlichkeit wohl fast ein Unikum – alternierend im West- und Ostteil stattfanden; wobei etwa die direkte Nennung der Bachgesellschaft auf den DDR-seitigen Programmheft-Titelblättern immer weiter einschrumpfte und schließlich ganz verschwand. Oder man erfährt, dass eine historisch informierte Aufführungspraxis nicht erst seit Harnoncourt & Co., sondern bereits in den ersten Jahren der NBG ein kontroverses Diskussionsthema war – zunächst vor allem hinsichtlich des angemessenen Instrumentariums. Es war Wanda Landowska, die hier mit ihrem Triumph in einem regelrechten Duell „ihres“ Cembalos gegen zwei herkömmliche Flügel nach „endlosen Ovationen“ zumindest für die Tasteninstrumente Weichen ins Zukünftige hinein stellte.
Schauplatz dessen war das luxuriöse Eisenacher Fürstenhof-Hotel während des Bachfestes 1911, sodass die Bronzebüste der Künstlerin an prominenter Stelle der Schau gleich mehrfache Berechtigung hat. Wenn im Herbst 2027 das NBG-Fest wieder einmal in des Künstlers Geburtsstadt kommen wird, könnte man sich eine vertiefende Broschüre dieser frühen Debatten umso besser vorstellen. Den Fürstenhof indessen, nach jahrelangem Verfall gerade im Abriss begriffen, wird es dann nicht mehr geben. Werden und Vergehen auch hier; doch der Pluspol ist bei Bach bekanntlich fast immer der kräftigere.
Seit Jahrzehnten liest Denis Scheck alle Titel der Bestsellerliste. Kaum jemand kennt die Deutschen so wie er. Ein Gespräch über Oliver Kahns Bekenntnisse, Peter Hahnes Sprachsünden und warum er die sozialen Medien meidet. David Hockney gehörte zu den einflussreichsten Vertretern zeitgenössischer Kunst.
Unbeschwerte Pool-Bilder in leuchtenden Farben wurden sein Markenzeichen. Nun ist der Brite im Alter von 88 Jahren gestorben. Von einem Radiostudio über eine Siedlung im Westjordanland bis hin zur Universität von Tel Aviv: Ein Band versammelt Reden und Essays des israelischen Schriftstellers Amos Oz.