Das Interesse für die Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz betrifft ja doch unser aller Selbstverständnis. Ich denke, von daher lässt sich eine Affinität zu dem Thema unterstellen, die den Pflichtbegriff hinter sich lässt. Auch nach dieser Enzyklika dürfte es wohl jedem Menschen unbenommen bleiben, sich in ein eigenes Verhältnis zu der KI-Thematik zu setzen. Der Text des Lehrschreibens ist ausbalancierter und differenzierter ausgefallen, als Papst Leo in seinen vorangegangenen Aussagen nahegelegt hatte.
Die Technikkritik bezieht sich vor allem auf diejenigen, die Technologien missbrauchen und dadurch neue Ungerechtigkeiten schaffen, es geht aber auch darum, Technik wachsen zu lassen. Interessanterweise hat die KI-Enzyklika auch in der philosophischen Technikforschung gleich hohe Wellen geschlagen, Debatten ausgelöst. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen Vom Papst kann man erwarten, dass das Menschenbild, das er darlegt, jenes des christlichen Humanismus ist.
So spricht die Enzyklika von der Menschwerdung Gottes, von Gottesebenbildlichkeit, und in dieser Perspektive stehen die Würde und der Personenbegriff. Fragen wirft aber der Anthropozentrismus auf, der das Lehrschreiben durchzieht. Es ist gut, dass an vielen Stellen auf die Umweltschäden durch Technologien hingewiesen wird. Dennoch bleibt es das im Text formulierte Ziel, die „grossartige Menschheit zu bewahren“, der Titel setzt da eben auch ökologisch den Ton.
Philosophisch ist dieser Anthropozentrismus, die Zentralstellung des Menschen, hoch umstritten. Wir brauchen eine Kritik des Anthropozentrismus, weil es ja nicht nur darum geht, Natur zu bewahren, damit wir ein besseres Leben haben, weil Natur eben keine bloße Ressource ist, sondern weil es hier auch Leiden, Empfindung und Leben gibt. In der Tier- und Umweltethik wird sich schon lange für Tier- und Umweltrechte stark gemacht. Die Enzyklika verwendet den Ausdruck „more than human“, der in Umweltdiskursen verbreitet ist und für Ansätzen und Perspektiven „über den Menschen hinaus“ steht.
Doch das Lehrschreiben bezieht den verwendeten Begriff auf den Menschen allein: der Mensch soll mehr als menschlich werden. Es bleibt offen, was das genau bedeutet. Hier wird sich nicht von der rein menschenzentrierten Sichtweise gelöst. Der Transhumanismus ist eine Bewegung, die den Menschen durch Technologien grundlegend transformieren will.
Ziele sind radikale Lebensverlängerung von mehreren hundert Jahren, Unsterblichkeit, das Hochladen des Gehirns auf eine Festplatte (Mind uploading), dann auch überhaupt das Ablösen des Menschen durch eine künstliche Superintelligenz. Diese Narrative sind in der Tat gefährlich und in Big Tech weit verbreitet. Sie finden unbemerkt Eingang in unsere Technologien und Gesellschaften. In der Forschung wird diskutiert, ob der Transhumanismus mit dem Christentum vereinbar ist.
Ich halte ihn für unvereinbar, wegen dessen ideologischen und ethischen Annahmen, der Diskriminierungen, der Eugenik. In den Vereinigten Staaten gibt es Gruppen, die eine Zusammenführung von Christentum und Transhumanismus fördern. Es war wichtig, dass sich der Papst hier noch einmal klar ablehnend positioniert hat. Hierzu wird aktuell natürlich die Zusammenarbeit mit Anthropic-Gründer Christopher Olah debattiert, die auf langjährige Zusammenarbeit und Gespräche des Vatikans mit Vertretern der Tech-Branche zurückgeht.
Olah saß bei der Präsentation der Enzyklika denn auch neben dem Papst. Zum einen scheint mir positiv, dass sich beide zusammen verantwortungsvoller KI widmen wollen, vor allem wenn dies Designentscheidungen, Unternehmenspolitik oder Regulierung beeinflusst. Zum anderen wird dies als „ethics washing“ oder „pope washing“ kritisiert, dass man also moralische Legitimität bekommt, ohne dass sich Strukturen ändern. Ist diese große Einflussnahme des Papstes auf die Tech-Branche und deren Investitionen gerechtfertigt?
Oder erfüllt sie doch nur die Funktion eines Feigenblatts? Man kann es auch performativ fragwürdig finden, dass der Papst bei der Vorstellung seines KI-Schreibens gerade der Tech-Branche eine Stimme gibt, wo es doch im Magnifikat und der Enzyklika darum geht, „die Mächtigen vom Thron zu stoßen“ und die von der Tech-Branche Benachteiligten in den Fokus zu rücken. Warum gibt der Papst bei einer so öffentlichkeitwirksamen Präsentation nicht denjenigen eine Stimme, die im Technikdiskurs und in der Kirche keine Stimme haben? Tatsächlich unterstreicht die Enzyklika die Vielfalt der Kulturen, dennoch war die ganze Präsentation des Schreibens sehr englisch und US-amerikanisch geprägt.
KI-Ethikerinnen wie Timnit Gebru kritisieren, dass der Vatikan Diversität suggeriert, aber doch sehr in seinen eigenen Netzwerken bleibt. Das christlich-humanistische Menschenbild, das in der Enzyklika betont wird, wird schon lange als zu „westlich“ kritisiert, als kultureller Vielfalt nicht wirklich gerecht werdend. Zurecht wendet sich die Enzyklika gegen die große Macht von Big Tech und das, was heute schon als „KI-Faschismus“ diskutiert wird – von der eigenen enormen Macht der Kirche und des Vatikans wird aber nicht gesprochen. In seinem Lehrschreiben „Magnifica Humanitas“ wägt der Papst Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz ab.
Er offenbart einen Geist zuversichtlicher Skepsis. Selbst Gläubige verwechseln die unbefleckte Empfängnis mit der Jungfrauengeburt. Der Romanist Gerhard Poppenberg erklärt, was das Dogma wirklich bedeutet und führt durch die lange Geschichte der Marienanbetung. In seinem Roman „Liebe“ erzählt Thomas Hettche vom Begehren der Senioren.