Im Fernsehen umklammert die sechzehn Jahre alte Sofia ihren kugelrunden Bauch und erklärt: „Meine Sportkarriere muss ich aufgeben, ich erwarte ein Baby.“ Sofia aus dem südrussischen Nowotscherkassk war professionelle Akrobatin. Ihr Gesicht überzieht eine tiefe Narbe, die ein schwerer Gegenstand hinterließ, den ihr betrunkener Vater nach ihr warf, als sie ein Kind war. Jetzt bekommt sie selbst ein Kind. Protagonistin der beliebten russischen Realityshow über schwangere Teenager, „Mama mit 16“, deren neue Staffel Anfang März anlief.

Die russische Version des amerikanischen Formats „16 and Pregnant“ wird seit sieben Jahren auf dem staatlichen Unterhaltungssender Ju ausgestrahlt, allerdings mit einem Akzent auf traditionellen Werten. Der Embryo wird fast sofort als „Kind“ bezeichnet, eine Abtreibung wird so gut wie nie erwogen. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen Die erste Folge der neuen Staffel erreichte innerhalb einer Woche etwa 3,5 Millionen Aufrufe auf Youtube.

Sie ist eine der bekanntesten und meistdiskutierten Realityshows im russischen Fernsehen. Das Unterhaltungsformat hat freilich einen politischen Kontext. Russland erlebt eine demographische Krise, die der Krieg in der Ukraine verschärft. Die Steigerung der Geburtenrate hat für die Behörden hohe Priorität.

Wladimir Putin sagt, die Tradition von „sieben bis acht Kindern“ solle wiederbelebt werden, staatliche Stellen erfinden neue Prämien für junge Mütter. Sexualkundeunterricht gibt es an russischen Schulen praktisch nicht. In den Neunzigerjahren wurden unter Präsident Jelzin Versuche unternommen, mit Schülern über Sexualität zu sprechen. Doch heute wollen die Schulen davon nichts wissen.

Jetzt gibt es das patriotische neue Fach „Gespräche über Wichtiges“, Schulklassen werden von Ex-Militärs besucht. Und man spricht lieber vom „Dulden der Familie zuliebe“ und davon, dass Schwangerschaften als unausweichlich hinzunehmen sind. In jeder Folge erzählt ein Paar, wie es zur Schwangerschaft kam. Der Freund von Sofia erklärt, beide seien allergisch gegen Latex, und Kondome seien zu teuer.

Andere Teilnehmer sagen „Mit Kondom ist es nicht so angenehm“, „Beim ersten Mal wird man nicht schwanger“ oder „Wir dachten, wir seien unfruchtbar“. Ganz offensichtlich fehlt hier jegliche Sexualaufklärung. Das Thema einvernehmlicher Sex wird in der Fernsehshow nie angesprochen. Oft sagen die jungen Frauen, sie hätten sich aus Angst, den Partner sonst zu verlieren, auf körperliche Nähe eingelassen.

Manchmal sind die Partner deutlich älter. In einer Folge ist der Freund eines Schulmädchens mehr als 30 Jahre alt: Er leitet das Büro, in dem sie als Reinigungskraft jobbt. Der Fall hatte keinerlei juristische Folgen für ihn, und das Paar hat heute zwei Kinder. Die Eltern der Teilnehmerinnen unterstützen oft die Entscheidung, das Kind auszutragen, selbst wenn das Mädchen zweifelt.

Oft heißt es, Abtreibung mache eine Frau unfruchtbar. Experten treten in der Sendung nicht auf, weder Gynäkologen, Psychologen noch Sexualpädagogen. Die meisten Teilnehmerinnen der Sendung „Mama mit 16“ leben in ländlichen Regionen, viele stammen aus prekären Familien, manche sind Waisen. Oft gehen sie früh Beziehungen ein, weil sie jemanden suchen, der sie liebt und ihnen die Eltern ersetzt.

Ihre Freunde sind aber oft selbst noch Kinder. Für die Teilnahme an der Sendung erhalten die Mädchen ein Honorar, zudem wird ihre medizinische Beobachtung bezahlt – was viele von ihnen sich sonst nicht leisten könnten. Mit der Zeit wurde die Sendung immer glamouröser. Für die Aufnahmen werden schicke Apartments angemietet, man dreht in Cafés und Einkaufszentren.

Die schwangeren Schülerinnen werden möglichst erwachsen dargestellt. So wurde aus der Realityshow eine Inszenierung. Tatsächlich war die Teilnehmerin einer früheren Staffel, die als glückliche werdende Mutter dargestellt wurde, drogenabhängig, ebenso wie der Vater des Kindes. Auch der „schwierige Freund“ der Protagonistin einer anderen Folge entpuppte sich als drogenabhängig.

In etlichen Fällen brachten die „Heldinnen“ Kinder mit schweren Behinderungen zur Welt. Fast alle Teilnehmerinnen der Sendung bekommen ihr erstes Kind, ohne eine abgeschlossene Ausbildung zu haben. Viele holen die Ausbildung auch später nicht nach, sondern bekommen nach den Dreharbeiten weitere Kinder. Freilich bedeutet die Teilnahme an der Show einen gewissen sozialen Aufstieg.

Während eine Schwangerschaft mit 16 früher angstbesetzt war, gilt sie heute als cool. Nach der Sendung eröffnen die Protagonistinnen Social-Media-Profile, wo sie über Mutterschaft und Beziehungen sprechen und Geld mit Werbung verdienen. Sie zeigen als Vorbilder, dass man ohne Ausbildung und Arbeit sich selbst verwirklichen und bekannt werden kann. Da das Publikum sich entspannen soll, wird der Krieg nicht erwähnt.

In den seit 2022 gedrehten Sendung traten mehrfach „junge Väter“ auf, die von der Ukrainefront auf Heimaturlaub gekommen waren und beschönigend als „Arbeiter im Ferneinsatz“ bezeichnet wurden. „Mama mit 16“ ist Teil von Russlands Bevölkerungspolitik. In vielen Regionen erhalten minderjährige Mädchen und Studentinnen Prämien für die Geburt eines Kindes, manchmal bis zu 1500 Euro. Viele Privatkliniken nehmen praktisch keine Abtreibungen mehr vor, in einigen Regionen steht auf das „Geneigtmachen zur Abtreibung“ ein Bußgeld.

Das ursprünglich amerikanische Format der Sendung, das andere Länder adaptierten, wurde vor der Großinvasion von Russland von der ukrainischen Version kopiert. Die ukrainische Variante setzte jedoch andere Akzente und widmete dem Leben der Heldin nach der Geburt, ihren finanziellen und Beziehungsproblemen sowie der Verantwortung für das Baby viel Sendezeit. In einigen Fällen wurden die erwachsenen Partner minderjähriger Mädchen strafrechtlich verfolgt. Eine ukrainische Journalistin, die an der Sendung mitgearbeitet hatte, sagte mir, man habe das Ziel verfolgt, dass Eltern sich mehr um ihre halbwüchsigen Kinder kümmerten und mit ihnen über Verhütung und die Folgen einer frühen Schwangerschaft sprächen.

Und tatsächlich hätten viele Schulkinder nach der Sendung angefangen, mit Lehrern und Eltern über Sex, Verhütung und Schwangerschaft zu sprechen. Die russische Version hingegen endet fast immer mit dem optimistischen Aufruf der Heldin: „Mädels, kriegt Kinder, egal, wie eure Lage ist! So wird das Privatleben von Teenagern Teil der demographischen Agenda. Die Geschichten sechzehnjähriger Mütter erscheinen als normale und sogar vorbildliche Lebenswege.

Dass sie unreif sind und ohne gesichertes Einkommen, wird ausgeblendet. Während täglich Männer an der Front sterben, ermuntert das Fernsehen die sozial schwächsten Frauen, Kinder zu produzieren, egal, wie es ihnen dabei geht. Die Bundesregierung bringt das Gesetz auf den Weg, das Sender und Streamer zwingt, acht Prozent ihres Umsatzes in heimische Filme zu stecken. Die freiwillige Regel, die Kulturstaatsminister Weimer wollte, ist passé.

Der Mainstream liefert Wohlfühlbücher mit schematischen Figuren: In Isabelle Herzogs Roman „Bookish Game“ geht es um die Planbarkeit von literarischem Erfolg auf einem Feld, das die deutsche Buchbranche retten soll – Young Adult. Bei den Pfingstfestspielen von Salzburg sorgt die Festivalchefin Cecilia Bartoli auch als Sängerin für den Höhepunkt. Aber weniger als Sopran in Rossinis Oper „Il Viaggio a Reims“ als in ihrer eigenen Geburtstagsgala.