Bei einer Trennung, so harmonisch sie sein mag, kommt man nicht ohne Begründung aus. Das gilt besonders, wenn die Beziehung vorher jahrzehntelang, wie es scheint, gut funktioniert hatte. Als am Dienstag die Nachricht vom Umzug des Verlags S. Fischer von Frankfurt nach Berlin verkündet wurde, war man deshalb gespannt auf die Begründung für diese Trennung nach knapp 80 Jahren. Der Verlag, gegründet 1886 in Berlin, kam aus dem Exil zurück, um sich 1948 in Frankfurt am Main niederzulassen.
Er gehört seit 1962 zum Holtzbrinck-Konzern mit Sitz in Stuttgart, so wie auch der Hamburger Rowohlt Verlag und das in Köln ansässige Haus Kiepenheuer & Witsch. All diese Traditionsverlage haben längst ein Standbein in der Hauptstadt, KiWi und Rowohlt mit Galiani Berlin und Rowohlt Berlin sogar eigene Imprints. Das ist auch ein Erbe jener Nachwendejahre, als Berlin Kreative aus allen Himmelsrichtungen anzog, weil man dort unschlagbar günstig leben konnte – wer eine der in Ost-Berlin üblichen Kohleheizungen akzeptierte, fand leicht eine 90 Quadratmeter große Altbauwohnung im Zentrum für wenige hundert Euro im Monat. Das ist bekanntlich vorbei.
Mit den Gasheizungen stiegen in den sanierten Häusern die Mieten, die übrigen Kosten sowieso, und weil zugleich der kränkelnde Buchmarkt immer weniger Menschen die Möglichkeit bietet, vom Schreiben zu leben, sind die Bedingungen für Neuberliner völlig anders geworden. Mit jeder Brache in Mitte, auf der Luxusimmobilien entstanden, verflog die Aufbruchsstimmung unter den Kreativen ein wenig mehr. Irgendetwas in der Art muss trotzdem noch geblieben oder nachgewachsen sein. Denn glaubt man Oliver Vogel, dem verlegerischen Geschäftsführer von S. Fischer, weht in Berlin ein so unwiderstehlicher Wind, dass er den Umzug geradezu erzwingt.
Das war vor vier Jahren, als die Fischer-Dependance in der Rosenstraße eingerichtet wurde, offenbar noch anders, denn damals hieß es, die neuen Räume seien ausdrücklich kein Vorbote eines Umzugs des Verlags nach Berlin. Nun spricht Vogel im Interview mit dieser Zeitung von einer dortigen „Atmosphäre“, die „sehr spürbar neue Energie“ freisetze, von den „Begegnungen“, auf denen das Verlagsgeschäft beruhe, und von der Absicht, durch den Umzug den Büchern des Verlages „maximale Sichtbarkeit und gesellschaftliche Resonanz“ zu verschaffen. Die Entscheidung für den Umzug habe „mit Frankfurt gar nichts zu tun“, sagt Vogel. Das ist das Äquivalent zum „es liegt nicht an dir“ im Beziehungsendgespräch.
Womit hat es dann zu tun? Vogel verweist auf einen Buchmarkt im Wandel, bei dem eine „von Algorithmen gelenkte, flächendeckende Fokussierung auf ganz wenige Spitzentitel“ die „belesene Buchhändlerin“ verdränge. Dagegen sieht Ina Hartwig, die Kulturdezernentin Frankfurts, die „kritische Öffentlichkeit“ der Stadt als „emphatische Antwort auf die Umbrüche der Verlagsbranche: Die Menschen wollen lesen, denken und verstehen.“ Das werde auch so bleiben, „wenn Verlage – traurigerweise – die Stadt verlassen“. Was ein solcher Umzug bedeutet, konnte man 2010 im Fall von Suhrkamp sehen, und es ist fraglich, ob durch den Neubeginn in Berlin die Verlagsproduktion im Sinne Vogels an Sichtbarkeit und Resonanz gegenüber früher gewonnen hat.
Ob es in einem von Algorithmen bestimmten Markt tatsächlich so sehr auf den von Vogel erhofften Ertrag der Begegnungen in der Hauptstadt ankommt, bleibt abzuwarten. Was das angeht, muss sich Frankfurt mit seinem reichen Angebot an Lesungen, Literaturfestivals und nicht zuletzt der Buchmesse hinter Berlin nicht verstecken. Und welche Rolle wird das geschrumpfte Frankfurter Büro noch spielen? Aus dem traditionsreichen Haus in der Hedderichstraße soll es jedenfalls ausziehen.
Fischers auch durch Zukäufe gewachsener Kinderbuchbereich scheint übrigens die Berliner Luft nicht zu benötigen. Er zieht nicht mit, bleibt allerdings auch nicht in Frankfurt. Januar 2027 an wird dieser Teil des Verlags in München arbeiten. Dessen Leiterin Susanne Krebs möchte an diesem Standort die Bedingungen schaffen, „das Potential“ ihrer Autoren „voll auszuschöpfen“.
Vogel sagt das im Grunde auch, nur für Berlin. Und beide sagen: Lieber dorthin als in Frankfurt bleiben. Es handle sich ausdrücklich nicht um ein Sparprogramm und nicht um eine Maßnahme mit dem Ziel eines Personalabbaus, sagt Oliver Vogel: Ein Gespräch zum Weggang von S. Fischer aus Frankfurt mit dem Verlagsleiter. Seit Dienstagmittag steht es fest: Mit S. Fischer verlässt der wichtigste Frankfurter Verlag die Stadt.
Vom neuen Standort in Berlin verspricht man sich eine bessere Bewältigung der Buchbranchenprobleme. Ein schwerer Schlag: Der Fischer-Verlag zieht im Sommer 2027 fast vollständig nach Berlin. Frankfurt verliert einen weiteren Teil seiner Nachkriegsidentität.