Ungezählt waren in den vergangenen Monaten die Vergleiche des WM-Mitausrichters USA und seines Präsidenten mit dem römischen Kaisertum. Fast wohltuend wirkt es daher, wenn die Kunstsammlungen und Museen der auf antiken Fundamenten stehenden Stadt Augsburg jetzt in der Ausstellung „Römer am Elfmeterpunkt“ die Vergleiche auf ihr eigenes Gemeinwesen beziehen – notabene auf einem deutlich humaneren Niveau und mit Augenzwinkern. Das beginnt mit der grundsätzlichen Begeisterung der Römer und der aus zahlreichen Regionen gespeisten römerzeitlichen Augsburger Bevölkerung für den Massensport. Anders als die elitäreren Griechen mit ihren nur alle vier Jahre stattfindenden Olympischen Spielen, an denen bisweilen auch irre Kaiser wie Nero teilnahmen, waren die „Römer“ aller Schichten in der Provinz geradezu sport- und vergnügungssüchtig.
Ein Amphitheater gab es in jeder großen Stadt, neben den hoch bezahlten Gladiatoren waren die Wagenlenker wahre Stars der Antike (C. Apuleius Diocles „erfuhr“ in 24 Jahren 35.863.120 Sesterze), und auch Ballspiele waren bereits in der Antike beliebt, wie ein Relief aus Zea des vierten Jahrhunderts vor Christus belegt, das einen Mann beim Zidane-haften Balancieren eines Balls auf seinem Oberschenkel zeigt. Im antiken Augusta Vindelicum fand man zudem eine Menge aus Knochen geschnitzter und aus Glas gefertigter Spielsteine. Die Maxime „Brot und Spiele“ war geradezu Staatsraison.
Wobei es in Rätien wohl eher „Wurst, Wein und Spiele“ hieß, denn neben dem Ketchup der Antike, dem übelriechenden Fisch-Maggi „Garum“, das in Augsburg weit gereist in Amphoren aus Spanien gefunden wurde, gab es nachweislich Wein von Rhodos und sicher auch deftige Wurstspezialitäten nach Rezepten des Apicius. Keine Hinweise gibt es hingegen auf dekadente Otternasen, gefüllte Jaguarohrläppchen und Zaunköniglebern als Naschereien, wie sie in Monty Pythons „Life of Brian“ im Stadion verkauft werden. Der Augsburger Boden gibt für ein solches Abtauchen in die Welt von „Asterix bei den sportversessenen Schwaben“ einiges her: Wo heute die Fußballarena steht, befand sich in antiker Zeit eine römische Siedlung, bei deren Ausgrabung viele aufschlussreiche Funde ans Licht kamen, die von Wohlstand und einer globalisierten Welt zeugen. Zumal der FC Augsburg bis heute der einzige Bundesligaverein ist, der mit einem urrömischen Symbol im Wappen, dem für Ewigkeit stehenden Pinienzapfen, ins Stadion einläuft.
Der Zapfen diente ursprünglich als Grabbekrönung und wurde tatsächlich mehrmals in Augsburg ergraben. Auch ansonsten ziehen die Augsburger Archäologen verblüffende Vergleiche – etwa die Geburt des Stollenschuhs aus dem grundsätzlich benagelten Schuhwerk der Legionäre – und weisen modische Völkerverständigung wie schicke „französische“ Fibeln aus Gallien nach. Haartrachten wie jene eines Augsburgers des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts trug später erst wieder Rudolfus Plenius alias Rudi Völler. Überhaupt die Kleidung: Die Trikots der kultisch verehrten Teams, insbesondere bei den Wagenrennen, der antiken Formel 1, waren auf Fernwirkung abzielend stark farbig – rot, blau, weiß oder grün.
Die römische Edelfeder Plinius der Jüngere beklagt in seinem Brief an Calvisius (Epistulae IX, 6), dass die Fans in einer Art Nibelungentreue den Farben eines Teams mehr anhingen als den individuellen Sportlern. Unterschrieb einer von diesen für oftmals horrende Summen den Vertrag bei einem anderen Verein und wechselte die Farben, erlosch das Interesse an der Person quasi auf der Stelle. Könnte der enorme Silberdenarfund von Augusta Vindelicum mit 5600 Münzen vor einigen Jahren die nicht ausgegebene Ablösesumme für einen Spitzensportler gewesen sein? Nur gerecht also, dass jeder, der bis zum Ende der WM mit einem wie auch immer gearteten Trikot – und sei es jenem von Curaçao – in die Augsburger Ausstellung kommt, kostenlosen Eintritt erhält.
Lediglich ein Triumphbogen wurde dem FCA, seit 14 Jahren in der Bundesliga, noch nicht errichtet. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Adorno habe die Hippie-Kultur geplant, Marcuse Studenten in CIA-Zombies verwandelt: Was als linker Sektenwahn begann, ist heute fester Bestandteil rechter Rhetorik. A.J.A. Woods erzählt die Geschichte des „Kulturmarxismus“.
Der nackte Körper ist das vollkommen Natürliche: Die bayerische Bildhauerin Ingrid Baumgärtner hat fern des Kunstbetriebs ein Werk geschaffen, in dessen Zentrum Kinder und Frauen stehen. Jede Woche fragen wir Menschen aus dem Kulturbetrieb, was sie lesen und welches Buch in ihrem Schrank sie ganz bestimmt nicht lesen werden. Diesmal antwortet der Spitzenkoch Tim Raue.