Zuerst kämpfte Noah Webster gegen die Engländer für die politische Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien, unterstützte die Staatsgründung und plädierte für die Ratifizierung der amerikanischen Verfassung. Der in Yale ausgebildete Jurist wurde Lehrer, dann politischer Publizist und schließlich Politiker – und glaubte, dass die neue Nation eine eigene kulturelle und sprachliche Identität brauche. So verfasste er Lehrbücher zur Orthographie und Grammatik des Englischen, in denen er die Schreibweise phonographisch anpasste (center statt centre) und sogenannte stumme Buchstaben strich (color statt colour). Webster wollte das amerikanische Englisch nicht nur vereinfachen, sondern programmatisch von der Sprache des „Mutterlandes“ abgrenzen.

Sein größter Beitrag dazu wurde ein Nachschlagewerk, das 1806 erschien und bis heute im Volksmund mit seinem Namen verknüpft ist: „Webster’s Dictionary“ oder korrekt: „A Compendious Dictionary of the English Language“. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen Darin nahm er 5000 Wörter mehr auf, als in den zeitgenössischen englischen Wörterbüchern enthalten waren. Er korrigierte die Orthographie, gab die richtige Aussprache durch Akzente an und definierte viele Wörter entsprechend ihrem Alltagsgebrauch.

Aber Webster nahm auch Tabellen mit den Währungen jener Länder auf, mit denen die USA Handel trieben, dazu Gewichts-, Maß- und Zeiteinheiten und eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse und Entdeckungen, ja, eine „offizielle Liste“ der Postämter – das war also alles mehr als ein Wörterbuch des amerikanischen Englischs. Es war ein umfangreicher – compendious! – und strukturierter Überblick über Sprache und Landeskunde, in dem allerdings der Abolitionist Webster die Sklaverei unerwähnt ließ. So wichtig der praktische Teil – bemerkenswert war vor allem der sprachliche Teil, also das Wörterbuch selbst.

Denn damit begründete Webster die systematische Beschäftigung mit dem Englischen, wie es in Nordamerika gesprochen und geschrieben wurde. Im Vorwort beteuerte er die Notwendigkeit „einer vorsichtigen Revision“ der in Großbritannien geläufigen Wörterbücher, denn: „Jeder durchschnittlich belesene Mensch weiß, dass eine lebendige Sprache zwangsläufig allmähliche Veränderungen in ihrem aktuellen Wortschatz, in der Bedeutung vieler Wörter und in der Aussprache erfährt.“ Dementsprechend schlug Webster kleine Änderungen vor, „um die Schriftsprache an die gesprochene Sprache anzupassen“, wie er schrieb, und insbesondere um „Wörter von Verfälschungen zu befreien, Analogien zu verbessern und die Etymologie zu veranschaulichen“. Webster wollte den amerikanischen Gebrauch des Englischen regeln und zugleich das allgemeine Sprachbewusstsein der Nation fördern. Durch die kalibrierte Mischung aus lexikographischen und poetischen Angaben trug Websters Wörterbuch zur Entstehung einer nationalen (Sprach-)Identität bei und wurde zur wichtigen Quelle amerikanischer Dichtung – und somit zu einem Grundstein der entstehenden Literaturtradition.

Vor 250 Jahren wurden die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Ihr Selbstverständnis lässt sich maßgeblich an bestimmten Büchern ablesen. Wir stellen in einer Serie fünfzig davon vor: Amerika, wie es im Buche steht. Adorno habe die Hippie-Kultur geplant, Marcuse Studenten in CIA-Zombies verwandelt: Was als linker Sektenwahn begann, ist heute fester Bestandteil rechter Rhetorik.

A.J.A. Woods erzählt die Geschichte des „Kulturmarxismus“. Der nackte Körper ist das vollkommen Natürliche: Die bayerische Bildhauerin Ingrid Baumgärtner hat fern des Kunstbetriebs ein Werk geschaffen, in dessen Zentrum Kinder und Frauen stehen.