Die Ukrainer erleben in der Region Kiew eine weitere verheerende Kriegsnacht. Bei dem Großangriff setzte Moskau eine besonders zerstörerische Waffe ein. Auch das ARD-Studio in Kiew ist betroffen. Bei neuen massiven russischen Angriffen mit Kampfdrohnen und Raketen sind in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und Umgebung laut Behörden mindestens vier Menschen getötet worden.
Es werden aber weitere Opfer befürchtet. Filmaufnahmen aus der Stadt zeigen massive Zerstörungen. Wie Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko bei Telegram mitteilte, starben in der Stadt selbst mindestens zwei Menschen. Zudem habe es mindestens 69 Verletzte gegeben.
33 von ihnen, unter ihnen zwei Kinder, würden in Krankenhäusern behandelt. Einsatzkräfte seien dabei, die Trümmer getroffener Wohnhäuser und Schäden zu beseitigen. In der umliegenden Region Kiew wurden nach Angaben von Verwaltungschef Mykola Kalaschnyk mindestens zwei Menschen getötet und neun verletzt. Die Feuerwehr in Kiew löscht einen Brand in einem Wohnblock, der nach russischem Beschuss teilweise eingebrochen ist.
Den ukrainischen Luftstreitkräften zufolge setzte Russland 90 Raketen und Marschflugkörper sowie 600 Drohnen verschiedener Typen ein. Insgesamt seien 604 Ziele unschädlich gemacht worden, darunter 55 Raketen und Marschflugkörper und 549 Drohnen, teilte die Flugabwehr mit. Dennoch habe es Dutzende Einschläge von russischen Flugobjekten gegeben. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat Moskau dabei auch abermals eine Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt - erstmals nahe der Hauptstadt Kiew.
Kremlchef Wladimir Putin habe die Rakete gegen Bila Zerkwa abgefeuert, sagte Selenskyj in einer am Morgen in Kiew veröffentlichten Videobotschaft. Die Großstadt liegt im Kiewer Gebiet. Zu Schäden dort machte er keine Angaben. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Interfax bestätigte den Einsatz der Oreschnik-Rakete und berief sich auf Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau.
Danach wurde die Ukraine mit vier verschiedenen Raketentypen angegriffen: Oreschnik, Iskander, Kinschal und Zirkon. Dabei handelt es sich um sogenannte Hyperschall-Raketen, die besonders schnell fliegen. Dies sei eine Vergeltung für die ukrainischen Angriffe in der Region Luhansk. Bei dem Angriff in der von Russland besetzten Region wurde nach russischen Angaben eine Fachhochschule samt Studentenwohnheim in der Stadt Starobilsk getroffen, 21 Menschen wurden dabei getötet.
Kiew bestreitet einen gezielten Angriff auf Zivilisten und erklärte, Ziel sei eine Drohneneinheit der russischen Armee in der Region Starobilsk gewesen. Kurz nach der Warnung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj wurde Kiew von heftigem Beschuss erschüttert. Die Oreschnik-Rakete (auf Deutsch: Haselstrauch) ist wegen ihrer Zerstörungskraft besonders gefürchtet. Die auch in Belarus von Moskau stationierte Rakete kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen.
Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometern pro Stunde und ihre Reichweite von bis zu 5.000 Kilometern machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent. "Das ist wirklich unverantwortlich. Es ist wichtig, dass dies für Russland nicht ohne Folgen bleibt", sagte Selenskyj. Es war den Angaben zufolge bereits der dritte Einsatz der Waffe in dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Feuerwehrleute vor einem brennenden Haus: Die Infrastruktur in Kiew und Umgebung wurde in der Nacht massiv beschädigt.
Auch die Umgebung Kiews und andere Regionen waren betroffen von den Angriffen. Jedoch erklärte Selenskyj: "Die meisten Treffer gab es in Kiew, und genau Kiew war das Hauptziel dieses russischen Angriffs. Drei russische Raketen gegen eine Wasserversorgungsanlage, ein Markt wurde niedergebrannt, Dutzende Wohnhäuser und mehrere normale Schulen wurden beschädigt." Der Zivilschutz veröffentlichte Fotos und Videos von massiven Zerstörungen an ziviler Infrastruktur und von großen Bränden, die Einsatzkräfte löschten. Die ganze Nacht über und am Morgen hatte es Luftalarm und Berichte über Explosionen in verschiedenen Teilen der Hauptstadt gegeben.
Warum ließ Putin seine Hyperschallrakete jetzt auf die Ukraine abschießen? Und ist sie wirklich so besonders? Auch das zentral gelegene ARD-Studio wurde dabei massiv beschädigt und in Teilen zerstört - wahrscheinlich durch eine Druckwelle, die Fenster bersten, Räume verwüsten und Wände einstürzen ließ. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Studio.
Die statische Sicherheit des Gebäudes muss nun überprüft werden. Trotz der starken Schäden wird die Berichterstattung aus der Ukraine fortgesetzt: Die Produktion und aktuelle Live-Berichterstattung sollen mit mobilen technischen Lösungen und Ausweichmöglichkeiten weiter gewährleistet werden. Das Gebäude in der Hauptstadt wurde durch Druckwellen teilweise zerstört. Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilt die russischen Attacken auf die Ukraine scharf.
Er bezeichnet die Angriffe und den Einsatz des Oreschnik-Raketensystems in einem Beitrag auf der Plattform X als rücksichtslose Eskalation. "Deutschland steht weiter fest an der Seite der Ukraine." Außenminister Johann Wadephul schrieb bei X: "Raketenterror ist schockierend. Der Einsatz einer Oreschnik ist eine weitere Eskalation." Dies bestärke ihn darin, die beim NATO-Außenministertreffen gemachten Vorschläge konsequent weiterzuverfolgen. Nur eine starke Ukraine werde den russischen Präsidenten Putin zum Einlenken bewegen können.
NATO-Generalsekretär Rutte beschwört beim Treffen der Außenminister in Helsingborg die Geschlossenheit der Bündnispartner. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron äußert sich auf X. Der Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew und der Einsatz der Hyperschall-Rakete bedeuteten eine Eskalation und zeige die Sackgasse des russischen Angriffskrieges auf. Er bekräftigt zudem die Unterstützung Frankreichs für die Ukraine. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas schrieb ebenfalls bei X, Russland stecke auf dem Schlachtfeld in einer Sackgasse und terrorisiere deshalb die Ukraine mit zielgerichteten Angriffen auf Städte.
"Dies sind abscheuliche terroristische Akte, deren Ziel es ist, so viele Zivilisten wie möglich zu töten", so Kallas weiter. Den Einsatz der Oreschnik-Rakete nannte sie "ein leichtsinniges nukleares Säbelrasseln". Der kanadische Premierminister Mark Carney verurteilte bei X die russischen Attacken gegen zivile Ziele. "Wir fordern Russland auf, diese Angriffe unverzüglich einzustellen und diesen illegalen Angriffskrieg zu beenden. Sie verlängern das Leid der Menschen und ändern nichts an der Tatsache, dass Russland diesen Krieg verlieren wird", teilte Carney mit.
Kanada arbeite weiter mit internationalen Partnern zusammen für einen gerechten und dauerhaften Frieden in der Ukraine und Europa. Dieses Thema im Programm: Das Erste | tagesschau | 24.05.2026 | 09:55 Uhr