Es klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber bittere Realität in deutschen Bahnhöfen: Die Rolltreppen stehen still. Nicht wegen eines kurzfristigen Defekts, nicht wegen dringender Wartungsarbeiten, sondern offenbar als bewusste Maßnahme. Dass das Bundesverkehrsministerium nun öffentlich seinen Unmut äußert und die Situation als „inakzeptabel“ bezeichnet, ist zwar erwartbar, greift aber viel zu kurz. Hier entlädt sich ein Konflikt, der tiefer geht als ein paar stillstehende Stufen.
Das neueste Ärgernis ist symptomatisch für einen Konzern, der den Spagat zwischen kaputtgesparter Infrastruktur und politischem Erwartungsdruck längst nicht mehr bewältigen kann. Wenn die Bahn Rolltreppen abschaltet, weil der Betrieb oder die Reparatur zu teuer sind, ist das eine Bankrotterklärung der Daseinsvorsorge. Es ist der sichtbare Beweis dafür, dass die viel beschworene „Verkehrswende“ an der Basis scheitert – nämlich genau dort, wo der Fahrgast mit schwerem Gepäck vor einer unüberwindbaren Treppe steht.
Doch warum jetzt? Und warum so drastisch? Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um in diesem Vorgehen Kalkül zu vermuten. Die Deutsche Bahn befindet sich in permanenten Haushaltskämpfen mit dem Bund. Ein stillstehendes Förderband schmerzt den Bürger unmittelbar. Es erzeugt Bilder des Scheiterns, die den Druck auf die Politik erhöhen, endlich mehr Geld freizugeben. Die Bahn nimmt hier faktisch ihre eigene Kundschaft in Geiselhaft, um strukturelle Defizite zu demonstrieren. Das ist zynisch, aber in der Logik eines Konzerns, der mit dem Rücken zur Wand steht, fast schon folgerichtig.
Besonders brisant ist die Dimension der Barrierefreiheit. In einer alternden Gesellschaft sind funktionierende Aufstiegshilfen kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Wer Mobilitätseingeschränkten, Eltern mit Kinderwagen oder Senioren den Zugang zum Gleis verwehrt, der verabschiedet sich vom Anspruch, ein Verkehrsmittel für alle zu sein. Das Verkehrsministerium reagiert „sauer“, doch diese Empörung wirkt hilflos. Der Bund ist alleiniger Eigentümer der AG. Wenn der Eigentümer sich über das operative Versagen seines Besitzes wundert, zeugt das von einem massiven Steuerungsdefizit über Jahre hinweg.
Die „Sparmaßnahmen“ der DB InfraGO, die Infrastruktursparte der Bahn, offenbaren das Grundübel: Die Substanz ist so marode, dass der laufende Betrieb kaum noch finanziert werden kann, ohne dass an anderer Stelle der Stecker gezogen wird. Wir erleben hier nicht nur ein technisches Problem. Wir erleben die physischen Auswirkungen einer jahrzehntelangen Vernachlässigung.
Fazit: Die abgeschalteten Rolltreppen sind mehr als ein Ärgernis. Sie sind ein Monument des Investitionsstaus. Solange Bund und Bahn sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, werden die Fahrgäste weiter Koffer schleppen müssen. Die Bahn fährt auf Verschleiß – und jetzt müssen die Kunden laufen.