Der Ruf nach längeren Arbeitszeiten ist ein politisch bequemes Manöver, das von der eigentlichen Krankheit des deutschen Arbeitsmarktes ablenkt: der Immobilität. Während man Stabilität und langjährige Betriebszugehörigkeit traditionell als Tugenden feiert, entpuppen sie sich zunehmend als Klotz am Bein für die Produktivität einer ganzen Volkswirtschaft.

Das Kernproblem ist die Allokation von Talent. In einem starren System verharren hochqualifizierte Fachkräfte oft in Unternehmen oder Positionen, in denen ihr Potenzial nicht voll ausgeschöpft wird. Gleichzeitig suchen innovative, wachsende Firmen händeringend nach genau diesen Fähigkeiten. Jeder unterlassene Jobwechsel ist somit eine verpasste Chance, Humankapital dorthin zu lenken, wo es den größten Mehrwert schafft. Dies ist kein individuelles Versäumnis, sondern ein systemisches Versagen.

Studien belegen den Zusammenhang eindeutig: Volkswirtschaften mit einer höheren Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt weisen tendenziell ein höheres Produktivitätswachstum auf. Jeder Wechsel ist ein Mikro-Optimierungsprozess. Der Arbeitnehmer verbessert in der Regel sein Gehalt und seine Perspektive, während das neue Unternehmen von frischem Wissen und neuen Impulsen profitiert. Die deutsche Wirtschaft verzichtet durch ihre geringe Wechselbereitschaft freiwillig auf diesen permanenten Effizienzgewinn.

Die Ursachen für diese Lähmung sind tief in Kultur und Gesetzgebung verankert. Ein rigider Kündigungsschutz, der primär den Erhalt des bestehenden Arbeitsplatzes sichert statt den Übergang zu einem neuen, schafft falsche Anreize. Hinzu kommen eine tiefsitzende „German Angst“ vor dem Statusverlust und eine Unternehmenskultur, die Job-Hopping noch immer stigmatisiert, anstatt es als Zeichen von Ehrgeiz und Anpassungsfähigkeit zu werten.

Die Lösung liegt daher nicht darin, die Menschen zu mehr Arbeit in ihren alten Strukturen zu zwingen. Der Hebel ist die Förderung einer „gesicherten Mobilität“. Es braucht Reformen, die den Wechsel erleichtern, nicht erschweren: flexible, übertragbare Rentenmodelle, eine Modernisierung des Kündigungsschutzes hin zu mehr Transparenz und eine neue Kultur des lebenslangen Lernens, die den Arbeitnehmer für den nächsten Karriereschritt rüstet. Das Mantra darf nicht mehr „Ärmel hochkrempeln“ lauten, sondern „Zelte abbrechen und weiterziehen“.