Der Vorstoß der Christdemokraten ist klar und unmissverständlich: Die Möglichkeit, sich bei leichten Erkrankungen per Anruf beim Arzt krankschreiben zu lassen, soll wieder abgeschafft werden. Es ist eine Regelung, die sich in der Pandemie als pragmatisch erwies und die Arztpraxen spürbar entlastete.

Als Begründung dient der Union der jüngste Anstieg der Krankmeldungen in Deutschland. Die suggerierte Kausalität ist simpel und eingängig: Einfacherer Zugang zur Krankschreibung führt zu mehr Fehltagen. Ein Narrativ vom missbrauchten System, das politisch leicht zu verkaufen ist. Doch die Faktenlage ist eine andere. Eine genaue Analyse der Daten, beispielsweise von Krankenkassen, zeigt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Einführung der Telefon-AU und einem sprunghaften Anstieg der kurzzeitigen Krankmeldungen. Der Trend steigender Krankentage begann bereits davor und wird von Experten auf stärkere Infektionswellen und wachsende psychische Belastungen zurückgeführt.

GokaNews Analyse: Der Vorstoß der CDU ist weniger gesundheitspolitisch als vielmehr strategisch motiviert. Es geht nicht primär um die Entlastung der Wirtschaft, sondern um die Schärfung des eigenen Profils als Partei der „Leistungsträger“ und der soliden Haushaltsführung. Die CDU bedient das klassische konservative Klischee des „Blaumachers“, der das Sozialsystem ausnutzt. Dies ist eine Botschaft, die bei der eigenen Kernwählerschaft und im Mittelstand gut ankommt und die Partei klar von den Regierungsparteien abgrenzt.

Die praktischen Konsequenzen einer Abschaffung werden dabei bewusst in den Hintergrund gerückt. Es würde eine Rückkehr zu vollen Wartezimmern bedeuten, in denen sich Patienten mit leichten Infekten gegenseitig anstecken. Es würde den bürokratischen Aufwand für Ärzte und Patienten erhöhen und genau jene medizinischen Fachkräfte binden, die an anderer Stelle dringend gebraucht werden. Das Risiko des Präsentismus – also krank zur Arbeit zu gehen – würde wieder steigen.

Letztlich ist der Angriff auf die Telefon-AU ein Symptom für eine größere politische Tendenz: Statt die wahren und komplexen Ursachen für den hohen Krankenstand – Stress, demografischer Wandel, die Nachwirkungen der Pandemie – zu adressieren, inszeniert die CDU einen griffigen Nebenkriegsschauplatz. Es ist ein Manöver, das von den echten strukturellen Problemen im Gesundheitssystem und in der Arbeitswelt ablenkt, aber im politischen Wettbewerb kurzfristig Profil und Punkte bringen soll.