Das Gerücht war so hartnäckig wie ein Inflationsschock: Christine Lagarde, die erste Frau an der Spitze der Europäischen Zentralbank, würde ihre achtjährige Amtszeit nicht vollenden. Der Lockruf der Macht in ihrer Heimat Frankreich, möglicherweise sogar eine Kandidatur für das Präsidentenamt nach Emmanuel Macron, schien unausweichlich. Dieses Narrativ wurde nun von Lagarde selbst demontiert.
ANALYSE: Dies ist weit mehr als eine Personalie. Lagardes Bekenntnis zu ihrer vollen Amtszeit bis 2027 ist ein strategischer Zug, der zwei wichtige Botschaften sendet. Erstens an die Finanzmärkte: In einer Zeit historischer Zinswenden, geopolitischer Unsicherheit und drohender Rezession verspricht sie Kontinuität. Die EZB wird nicht mitten im Kampf gegen die Inflation führungslos. Das Signal lautet: Stabilität hat Vorrang vor persönlicher Ambition. Märkte hassen Vakuen – und Lagarde hat gerade ein potenziell riesiges geschlossen.
Die zweite, subtilere Botschaft richtet sich an Paris. Indem sie sich aus dem Rennen um die Macron-Nachfolge nimmt, schafft sie Klarheit im bürgerlichen Lager Frankreichs. Potenzielle Rivalen wissen nun, dass sie nicht gegen die international bestens vernetzte und angesehene Ex-IWF-Chefin antreten müssen. Lagardes Verzicht ist de facto ein Eingriff in die französische Innenpolitik, ohne einen einzigen Wahlkampfauftritt absolviert zu haben.
Für die EZB selbst bedeutet dies, dass der unter Lagarde eingeschlagene Kurs fortgesetzt wird. Ihre Präsidentschaft ist weniger von dogmatischer Geldtheorie geprägt als die ihrer Vorgänger, sondern von politischem Pragmatismus und Kommunikation. Sie hat die Institution durch die Pandemie gesteuert und den umstrittenen, aber notwendigen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik moderiert. Ihre Aufgabe ist unvollendet. Ein vorzeitiger Abgang hätte ihr Vermächtnis beschädigt und sie als Opportunistin dastehen lassen.
Christine Lagarde hat ihre Wahl getroffen. Sie zieht die Vollendung ihrer historischen Mission in Frankfurt den Unwägbarkeiten des politischen Nahkampfs in Paris vor. Die Eurozone gewinnt dadurch an dringend benötigter Berechenbarkeit. Der Kampf um die französische Präsidentschaft hat eine prominente Kandidatin verloren, bevor das Rennen überhaupt begonnen hat.