In der deutschen Wirtschaftsdebatte gibt es heilige Kühe. Moritz Schularick hat gerade eine davon auf die Schlachtbank geführt. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) diagnostiziert dem deutschen Arbeitsmarkt eine gefährliche Sklerose – eine Verkrustung, die Innovation lähmt und Leistung bestraft. Sein radikaler Therapievorschlag: Die Kündigungsschutz-Festung für Besserverdiener, insbesondere im öffentlichen Dienst, muss fallen.

ANALYSE: Ein Angriff auf den Gesellschaftsvertrag

Dieser Vorstoß ist weit mehr als nur eine arbeitsmarktpolitische Feinjustierung. Er ist ein fundamentaler Angriff auf das deutsche Verständnis von Stabilität und sozialer Sicherheit. Der quasi unkündbare Beamte oder der festangestellte öffentliche Mitarbeiter ist ein Eckpfeiler des bundesrepublikanischen Selbstverständnisses. Schularick stellt diesen Pakt infrage und argumentiert implizit, dass diese Sicherheit zur Trägheit verführt und den dynamischen Kräften der Wirtschaft im Weg steht. Es ist die liberale Idee der „kreativen Zerstörung“, angewendet auf den Staatsdienst – ein für deutsche Ohren unerhörter Gedanke.

Die Logik dahinter ist klar: Wer keine Kündigung fürchten muss, hat weniger Anreiz, sich anzustrengen, sich weiterzuentwickeln oder Risiken einzugehen. Schularick will Druck im System erzeugen. Flexiblere Kündigungsregeln für Einkommensstarke sollen eine Leistungselite schmieden, die sich ihren Status täglich neu verdienen muss. Ressourcen, die in unproduktiven, aber sicheren Positionen gebunden sind, könnten so für neue Talente und zukunftsweisende Aufgaben freigesetzt werden.

Politisch ist der Vorschlag allerdings hochexplosiv. Er trifft auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes wie Verdi und des Beamtenbundes. Ihr Gegenargument: Ohne den besonderen Schutzstatus verliert der Staat im Wettbewerb um die besten Köpfe gegen die Privatwirtschaft. Wer würde sich für eine oft schlechtere Bezahlung in den Dienst der Allgemeinheit stellen, wenn die Jobsicherheit als zentrales Lockmittel entfällt? Die Furcht vor politisch motivierten Entlassungen und einem Ende der loyalen, unabhängigen Verwaltung schwingt ebenfalls mit.

WAS DAS BEDEUTET: Die Debatte ist eröffnet

Schularicks Provokation wird kaum zu einer schnellen Gesetzesänderung führen. Ihre wahre Wirkung liegt woanders: Sie verschiebt den Rahmen des Sagbaren. Ein renommierter Ökonom macht ein Tabu zum Thema und zwingt Politik und Gesellschaft, die Kosten der deutschen Sicherheitskultur neu zu bewerten. Die Debatte, die er damit anstößt, ist mehr als nur eine juristische Fachsimpelei – es geht um das künftige Selbstverständnis und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschafts- und Sozialmodells Deutschland.