Monatelang haben Beschäftigte des Chemieunternehmens Domo Caproleuna um ihre Jobs gebangt. Dann – Anfang April – schien der Standort in Leuna endlich gerettet: Eine Auffanggesellschaft namens Leuna Polyamid GmbH sollte das Chemiewerk weiterführen. Der Jubel war groß: Insolvenzverwalter Lucas Flöther sprach von einer „Rettung in letzter Minute in einem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Verfahren“. Der Arbeitgeberverband Nordostchemie sah einen „Lichtblick“ und selbst Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze zeigte sich mit der „Leuna-Lösung“ zufrieden.

„Für uns als Land ist das jetzt eine sehr, sehr gute Lösung, die jetzt hier präsentiert wurde“, so der CDU-Politiker. Gut zwei Monate später steht fest, dass die „sehr sehr gute Lösung“ doch keine ist. Die Auffanggesellschaft Leuna Polyamid GmbH hat nach eigenen Angaben am Donnerstag ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestartet. Damit droht der Fall kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt endgültig zum Politikum zu werden – und der Fortbestand des Chemiewerks ist erneut bedroht.

Das Unternehmen fertigt und vermarktet weltweit Polymere, technische Kunststoffe und Hochleistungsfasern für Kunden in der Automobilbranche, sowie für Konsum- und Industriegüter und für Elektrotechnik und Elektronik. Diese Kunststoffe werden auch im Bauwesen und für Verpackungen verwendet. Nun übernimmt hier erneut ein vorläufiger Insolvenzverwalter – und wird versuchen, den Betrieb am Laufen zu halten und einen Investor zu finden. Warum das eigens für die Übernahme gegründete Unternehmen so schnell gescheitert ist?

Offiziell verweist die Firma auf „weltpolitische Entwicklungen, insbesondere in der Golfregion“. Diese hätten „zu drastischen Steigerungen der Rohstoffpreise von mehr als 40 bis zu 100 Prozent“ geführt. Da das junge Unternehmen über keine Rücklagen verfügte und die wichtigsten Rohstofflieferanten Vorauskasse forderten, „überstieg der Liquiditätsbedarf“ die Planungen deutlich, teilt das Unternehmen mit. „Vor diesem Hintergrund war die Fortführung des Betriebs außerhalb eines Insolvenzverfahrens nicht mehr möglich.“ Doch in der Branche kursieren Hinweise, dass auch die Gesellschafter teilweise unterschiedliche Vorstellungen hatten.

Hinter dem Unternehmen stehen die Leuna-Harze GmbH und die InfraLeuna GmbH. Für beide Gesellschaften war die Übernahme von Anfang an wohl eher eine Notlösung, um größeren Schaden für den Chemiestandort Leuna abzuwenden. Denn dort gehört das Polyamid-Werk zu den wichtigsten Playern. Wären die Domo-Anlagen abgeschaltet worden, hätte dies im Chemieverbund Leuna eine Lücke gerissen.

Auch andere Unternehmen, mit denen Domo zusammenarbeitet, wären dann womöglich in Schwierigkeiten geraten, ebenso wie der gesamte Chemiepark. Genau das wollten die „Notfall-Investoren“ eigentlich verhindern. InfraLeuna ist die Betreibergesellschaft des Chemieparks Leuna. Hinter Leuna-Harze wiederum steht der Unternehmer Klaus Paur, der ebenfalls in Leuna produziert.

Ob es zwischen den Gesellschaftern nach der Gründung der Auffanggesellschaft zu Konflikten kam, ist unklar. Klar ist dagegen, dass es nicht einfach wird, den Betrieb zu retten. Schon die erste Insolvenz war für Insolvenzverwalter Flöther eine heikle Mission. Die belgische Domo-Gruppe hatte Ende des vergangenen Jahres für die deutschen Tochterfirmen Insolvenz angemeldet.

Da die vorhandenen Mittel nicht ausreichten, um den Weiterbetrieb zu sichern, schaltete sich das Land Sachsen-Anhalt ein und entschied, den Betrieb weiterzuführen. So konnte die Suche nach Investoren weitergehen. Für das Land waren dadurch Kosten in Höhe von rund 80 Millionen Euro angefallen. „Allzu oft sollte uns das nicht passieren“, mahnte Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD).Mit dem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung verfolge man nun wiederum „das Ziel, den Geschäftsbetrieb fortzuführen“, heißt es vom Unternehmen.

„In einem strukturierten Sanierungsprozess, der gegenüber dem Vorverfahren eine weit bessere Ausgangslage hat, wird die Suche nach einem strategischen Investor, der das Unternehmen mit zusätzlicher Liquidität stärkt, eine zentrale Rolle spielen.“ Lesen Sie auch: Was bleibt von der deutschen Industrie?