DerDer erste Versuch der Welteroberung ging kräftig daneben. 2014 war es, als der Fahrdienstvermittler Uber in Kalifornien mit viel Getöse seinen neuesten Service startete: Uber Fresh, die Auslieferung frisch zubereiteten Essens. Kühlboxen voller Hühnersuppen, Marktsalate und italienischer Panini fuhren die Autos des Konzerns durch Santa Monica – bereit, sie jedem Kunden binnen fünf bis zehn Minuten an die Bordsteinkante zu liefern. Jeden Tag gab es genau ein Gericht, zum Preis von zwölf US-Dollar.

Die Idee floppte kolossal. Zwar weitete Uber in den folgenden Wochen und Monaten sein Experiment noch auf Beverly Hills und West Hollywood aus, dann aber wurde der Dienst wieder eingestellt. Das Angebot war zwar angenommen worden, aber laut Befragungen sollen die Kunden auf zwei Aspekte hingewiesen haben: Man wäre durchaus bereit, etwas länger auf das Essen zu warten – wenn es denn mehr Auswahl und besseres Essen in Restaurantqualität geben würde. Dezember 2015 startete Uber den zweiten Versuch: in der kanadischen Metropole Toronto, mit der eigenständigen App „Uber Eats“.

Zum Start konnten Interessierte Gerichte von mehr als 100 Restaurants auswählen. In den ersten drei Stunden soll Uber Eats mehr umgesetzt haben als vormals mit „Uber Fresh“ in vier Tagen. Seither hat sich die Begeisterung kaum abgeschwächt. Heute, rund elf Jahre später, wird Uber immer noch in erster Linie als Fahrdienstvermittler wahrgenommen.

Und ist zugleich auch eines der global bedeutendsten Unternehmen im Bereich der Lieferdienste – das seine Stellung nun noch weiter ausbauen möchte. Eats ist heute nach eigenen Angaben in 45 Ländern und mehr als 10.000 Städten aktiv. Die Uber-Fahrer können in der Uber-App per Knopfdruck festlegen, ob sie nur Passagiere (UberX), nur Essen (Uber Eats) oder beides gleichzeitig annehmen möchten. Viele Fahrer überbrücken durch Uber Eats etwaige Leerlauf-Zeiten; in den USA und Kanada nutzen laut Uber rund 40 Prozent der Fahrer beide Dienste.

Mit umgerechnet 14,9 Milliarden Euro steuerte der Lieferdienst etwa ein Drittel zum Uber-Gesamtumsatz bei (rund 44,7 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2025). Das ist in etwa so viel, wie auch der Berliner Lieferdienst-Konkurrent Delivery Hero 2025 umsetzt (14,1 Milliarden Euro). Und doch kann von Augenhöhe zwischen den beiden Unternehmen keine Rede mehr sein: Während Uber an der Börse mit etwa 125 Milliarden Euro bewertet wird, kommt Delivery Hero auf rund 11 Milliarden Euro. Und spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist klar, wer hier wen verspeisen will: Uber hat ein Übernahmeangebot für Delivery Hero vorgelegt.

Wie Delivery Hero am Samstag per ad-hoc-Nachricht bestätigte, hat Uber allen DH-Aktionären zunächst ein indikatives Angebot von 33 Euro pro Aktie unterbreitet. Damit wäre der Berliner MDax-Konzern mit nur 10 Milliarden Euro bewertet. Offenbar kam dieser erste Aufschlag bei den Involvierten nicht sonderlich gut an: Wie die „Financial Times“ am Sonntag berichtete, soll Uber-CEO Dara Khosrowshahi gegenüber einigen Investoren sein Angebot rasch auf 38 Euro je Aktie aufgestockt haben. Die Lage rund um Delivery Hero ist kompliziert.

Seit Monaten schon steht CEO und Co-Gründer Niklas Östberg unter Dauerdruck der Investoren, allen voran Aspex aus Hongkong. Der Kernvorwurf: die Wertevernichtung an der Börse. Seit dem Allzeithoch im Januar 2021 (145 Euro) verlor die Aktie im MDax rund 85 Prozent ihres Wertes. Vor rund zwei Wochen gab Östberg dem Druck nach und kündigte an, spätestens zum 31.

März 2027 von seinem Posten zurückzutreten. Angesichts der Dynamik um die Übernahme ist kaum vorstellbar, dass Östberg noch so lange auf seinem Posten bleiben wird. Denn die Kräfte- und Eigentumsverhältnisse des Berliner Konzerns haben sich in den zurückliegenden Monaten stark verändert. Ausgelöst haben dies der südafrikanische Konzern Naspers sowie die Europäische Kommission: Naspers teilte im Februar 2025 mit, über die Tochtergesellschaft Prosus den niederländischen Lieferdienst Just Eat Takeaway („Lieferando“) übernehmen zu wollen.

Im August genehmigte die EU den Deal – aber nur unter einer Auflage: Prosus muss im Gegenzug seinen ursprünglichen 27-Prozent-Anteil an Delivery Hero bis August 2026 auf unter zehn Prozent reduzieren. Diesen Zwangsverkauf betrachteten offenbar gleich mehrere Marktteilnehmer als günstige Gelegenheit. So auch Uber: Mitte April erwarb das US-Unternehmen ein Delivery-Hero-Aktienpaket im Umfang von 4,5 Prozent von Prosus. Einen Monat später meldete Delivery Hero, dass Uber mit nunmehr 19,5 Prozent zum größten Aktionär aufgestiegen ist.

Zusätzlich besitzt der US-Konzern Optionen auf weitere 5,6 Prozent der Anteile. Laut Stimmrechtsmitteilungen hat die US-Investmentbank Morgan Stanley Uber dabei unterstützt, die Anteile diskret und zügig zu kaufen. Mit dem Übernahmeangebot am Pfingstwochenende habe Uber dann alle überrascht, heißt es aus dem Delivery-Hero-Umfeld. Eine Komplettübernahme von Delivery Hero dürfte aber schwierig werden.

Denn die beiden Dienste kommen sich in zahlreichen Ländern in die Quere, in Südamerika etwa in Chile, Ecuador und Costa Rica. Wenn aus zwei Anbietern einer wird, steigt die Marktkonzentration. Dass Kartellbehörden in solchen Fällen genau hinschauen, haben die zwei Konkurrenten vor eineinhalb Jahren in Taiwan erfahren. Denn bereits im Mai 2024 ist Uber bei Delivery Hero eingestiegen, damals mit knapp unter drei Prozent.

Der Einstieg war Teil eines geplanten Deals: Uber wollte Delivery-Heros Taiwan-Gesellschaft („Foodpanda Taiwan“) übernehmen. Doch Ende 2024 verbot die Taiwan Fair Trade Commission das Geschäft, weil Uber Eats hernach das Liefergeschäft auf der Insel fast vollständig dominiert hätte. Es war nicht die einzige Anbahnung: Ende 2025 berichtete die WirtschaftsWoche exklusiv, dass Niklas Östberg Uber-CEO Dara Khosrowshahi angeboten haben soll, zwischen fünf und zehn Prozent der Anteile von Woowa Brothers zu kaufen, der führenden Essensbestell- und Lieferplattform in Südkorea. Doch Khosrowshahi soll abgelehnt haben.

Auch in Europa stehen sich heute in vielen Märkten Uber Eats und Delivery-Hero-Marken gegenüber. In Spanien und Portugal kämpft Uber Eats gegen Glovo, die spanische Tochtergesellschaft von Delivery Hero. Und im Februar kündigten die US-Amerikaner eine große Europa-Offensive an, bei der sie noch deutlich stärker in Niklas Östbergs Reviere vordringen werden: Bei der geplanten Rückkehr nach Österreich, Tschechien und Norwegen wird Uber Eats gegen den Delivery-Hero-Lieferdienst Foodora antreten, in Rumänien ebenfalls gegen Glovo, und in Griechenland gegen den dortigen Marktführer efood (der seit 2015 zu Delivery Hero gehört). Die neuerliche Europa-Rückkehr fügt sich dabei nahtlos ein in die wechselvolle Geschichte von Uber Eats.

Wie andere Lieferdienste profitierte auch Uber Eats von der Corona-Pandemie. Mehr noch: Das anfangs belächelte Zusatzgeschäft wurde 2020 und 2021 zum überlebenswichtigen Segment für Uber. Im ersten Coronajahr 2020 sank der Umsatz im Hauptsegment Mobility wegen weltweiter Lockdowns und Homeoffice-Regelungen um 52 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig wuchs der Umsatz von Uber Eats um 224 Prozent.

Die Anzahl der Partner-Restaurants auf der Plattform steigerte Uber Eats im ersten Pandemiejahr um über 75 Prozent auf mehr als 600.000. Und die Pandemie nutzte Uber auch für eine strategische Erweiterung: die Ausweitung des Lieferangebots auf Lebensmittel und Einzelhandelsprodukte. Dafür beteiligte sich Uber schon Ende 2019 an Cornershop, einem chilenischen, in Lateinamerika extrem erfolgreichen Lebensmittel-Zusteller. 2020 übernahm Uber zudem für 2,6 Milliarden US-Dollar den US-Wettbewerber Postmates, der neben Restaurantessen bereits in großem Stil Lebensmittel und Alltagsartikel lieferte.

Und Mitte 2021 schluckte Uber Cornershop komplett und expandierte auch mit der Marke in den USA. Das neue Lieferangebot nennt Uber „New verticals“. Im vergangenen Jahr machte Uber Tempo, und veröffentlichte eine Kooperation nach der anderen, darunter mit Petco, einem US-Händler für Haustierbedarf, und Best Buy, einer Handelskette für Elektronik und Haushaltswaren. Aber auch mit großen Supermarktketten: In den USA mit Kroger und Aldi (vor wenigen Wochen folgten noch Ahold Delhaize und Stop & Shop), in Großbritannien mit Co-op und in Frankreich mit Carrefour.

In einem Interview, das Uber-CEO Dara Khosrowshahi Anfang Mai in der New Yorker Börse gab, wurde er unter anderem gefragt, ob Uber Eats eines Tages mal das ursprüngliche Uber-Geschäft mit Fahrdienstvermittlungen überholen wird. In dem Videoausschnitt, auf X zu sehen, verzieht Khosrowshahi in gespielter Verzweiflung das Gesicht und entgegnet, das sei ja so, als müsse er sich zwischen seinen beiden Kindern entscheiden. Dann sagt er: Wenn es bei Uber Eats nur ums Essen ginge, würden die Fahrdienste größer bleiben. „Aber da Eats jetzt Lebensmittel umfasst und wir jedes andere lokale Geschäft anbinden, würde es mich nicht überraschen, wenn Eats in zehn Jahren größer ist.“ Die Frage ist nur: ob mit oder ohne Delivery Hero.

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