Zwei vermummte Polizisten führen einen Mann zu seinem Haftantritt in Karlsruhe. Braune Hose, eine Jacke über den Kopf, um auf dem Foto unerkannt zu bleiben. Unter der Jacke, laut Bundesanwaltschaft: ein chinesischer Spion. Am Mittwoch ließ die Behörde ein Ehepaar in München festnehmen.
Sie sollen für einen chinesischen Geheimdienst Kontakte an deutschen Hochschulen geknüpft und deutsche Wissenschaftler unter falschen Vorwänden nach China gelockt haben. Die beiden sollen versucht haben, an Spitzentechnologie zu gelangen, die auch militärisch nutzbar ist. Es geht um Zukunftsforschung: Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik oder künstliche Intelligenz. An acht Universitäten sollen die Spione aktiv gewesen sein, darunter auch an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH).
Hört man sich bei den Studenten der Universität um, sprechen die von einem „offenen Geheimnis“. Jeder wisse, es werde spioniert. Für die Studierenden habe das jedoch keine Relevanz, denn es betreffe sie kaum. Vielmehr gehe es um das Wissen der Professoren.
Die aber beruhigen: „Es sind keine kritischen Informationen nach China geflossen“, sagt einer von ihnen. Kai-Uwe Schröder ist Institutsleiter für Strukturmechanik und Leichtbau an der RWTH. Aber viel wichtiger: Er ist Rektoratsbeauftragter für die Zusammenarbeit mit China. Schröder berät den Schulleiter zu allen Angelegenheiten, die China betreffen.
Er selbst pflegt seit über zehn Jahren enge Kontakte zu dem Land und auch zu chinesischen Kollegen. Nur öffentlich zugängliche Informationen und Vorlesungsinhalte hätten die Spione erhalten, erklärt Schröder. Die Bundesanwaltschaft erläutert den Fall: Die Spione sollen sich den Wissenschaftlern gegenüber mal als Dolmetscher, mal als Mitarbeiter eines Automobilherstellers ausgegeben haben. Unter falschem Vorwand sollen die Personen einige der Professoren nach China gelockt haben.
Sie boten Honorare dafür, Vorträge vor einem zivilen Publikum zu halten. Tatsächlich erfolgten solche Vorträge dann aber vor Angehörigen staatlicher Rüstungsunternehmen. Laut Schröder alles halb so wild: „Es gab keine Spionage. Der Besuch einer Vorlesung, die sich jeder Mensch auf der Welt runterladen kann, würde ich nicht als Spionage bezeichnen.“ An der Uni finde ohnehin kaum Forschung statt, die für ausländische Geheimdienste interessant sein könnte.
Schröder erklärt das anhand des Technologie-Reifegrads, einer Skala, die den Entwicklungsstand von eins bis neun angibt. Die Grundlagenforschung sind die Stufen eins bis drei, danach folgt das Entwicklungsniveau bis Stufe sechs. Bei den letzten drei Stufen spricht man von Systemintegration. Also Forschung, die einen direkten Anwendungsbezug hat, etwa einen neuen Werkstoff in einem Flugzeug verbauen.
An der RWTH findet keine Forschung auf den letzten drei Stufen statt. Dafür fehlten der Uni auch entsprechend gesicherte Labore. Und Schröder rätselt, wonach die Spione bei ihm überhaupt suchen könnten: „Ich würde auch gerne wissen, was die von uns wissen wollen. Unsere Forschungsergebnisse werden in der Regel veröffentlicht.“
Teilweise arbeiten die Professoren aber mit privatwirtschaftlichen Unternehmen zusammen, um Technologien voranzutreiben. Hier könnte also wertvolles Wissen lagern. So etwas unterliege dann aber „Geheimhaltungsvereinbarungen“, sagt Schröder. Und es sei auch „in der Infrastruktur geschützt“, also den Computersystemen der Uni.
Dieses Wissen auf den Computersystemen der Uni ist entsprechend begehrt. „Wir werden häufig angegriffen. Und wir werden von unserem IT-Center dementsprechend geschützt“, erklärt Schröder. An der Hochschule gibt es zudem eine Abteilung, die sich um Verdachtsfälle kümmert.
Diese sogenannte „Exportkontrolle“ prüft Kooperationen aus dem Ausland auf mögliche Probleme. Auch das Universitätspersonal kann sich bei Spionageverdacht bei dieser zentralen Stelle melden. Schröder selbst musste sich deshalb noch nie an die Exportkontrolle wenden. Zu anderen Kollegen kann er keine Auskunft geben.
An der Uni gebe es zudem Programme, die Professoren im Umgang mit China sensibilisieren. Insgesamt stört Schröder, wie wenig die Öffentlichkeit der Uni und den Professoren zutraut. „Wir fahren nach China und geben dort in einer Vorlesung hochgeheimes Wissen preis, zum Beispiel für die Entwicklung von Militärflugzeugen. Wie kann man uns so eine Naivität unterstellen?“ Egal ob es um geheime Forschungsergebnisse oder Betriebsgeheimnisse privater Unternehmen gehe: „Wir würden solches Wissen niemals weitergeben.“
Die Universitätsangestellten würden regelmäßig in der Zusammenarbeit mit China geschult. Die Professoren wüssten genau, welche Informationen sie weitergeben dürften und welche nicht. Außerdem kooperiere die Uni eng mit dem Verfassungsschutz, um Spionage zu verhindern.Solche Spionagefälle schürten Misstrauen in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit der Länder. Und das, sagt Schröder, sei nicht nur für die chinesischen Partner ein Problem.
„China hat uns technisch eingeholt oder sogar überholt. In vielen Bereichen ist es sinnvoll, wenn nicht sogar notwendig, mit China zu kooperieren.“ Lesen Sie auch: So heikel sind Chinas Investitionen für die deutsche Wirtschaft