AusgerechnetAusgerechnet die grüne Hölle, die längste und schwierigste Rennstrecke der Welt, hat sich der Hamburger Luxusjuwelier Wempe für sein Motorsportdebüt als offizieller Zeitnehmer ausgesucht. Mit Erfolg: Das hanseatische Traditionshaus mit 31 Niederlassungen auf der Welt, das seit 1878 für gediegenes Understatement steht, gewinnt auf Anhieb mit seinem Markenbotschafter Fabian Schiller. Eine bessere Verkaufsförderung für die zwei limitierten Motorsport-Chronographen, die passend zum 24-Stunden-Rennen am Nürburgring vorgestellt wurden, hätte man sich nicht wünschen können. Das vergangene Wochenende dürfte aber auch aus anderen Gründen eines sein, an das man sich im Mutterhaus an der Elbe noch lange erinnern wird.
Wer denkt, ein Benzin-Motorsport-Event sei in Zeiten von E-Autos vielleicht keine schlaue Marketingmaßnahme, sollte zunächst die Größe der Bühne verstehen, die das Hamburger Familienunternehmen als Timing-Partner zum ersten Mal bespielt hat. Auflage des Eifel-Klassikers verzeichnete 352.000 Besucher vor Ort – damit übertrumpfte man nicht nur den bisherigen Rekord aus 2025 (280.000 Fans). Mit diesen Zahlen hat die Nordschleife sogar die 24 Stunden von Le Mans übertroffen, das wichtigste 24-Stunden-Rennen der Welt, das zuletzt 332.000 Zuschauer zählte. Damit erobert „der Ring“ offiziell die Spitze der globalen 24-Stunden-Zuschauerrangliste.
Das hat natürlich einen besonderen Grund: Der Publikumsmagnet hieß Max Verstappen. Der vierfache Formel-1-Weltmeister gab am Nürburgring sein 24-Stunden-Debüt. Erstmals in der über fünfzigjährigen Geschichte des Rennens musste die Ticketzahl begrenzt werden; Wochenend- und Racetickets waren bereits Tage vorher ausverkauft, Menschenmassen campierten teils tagelang vorab bei eiskaltem Wetter auf schlammigen Parkplätzen und vermieteten Wiesen. Die Reichweite war auch medial stark: Über das Live-Geschehen hinaus übertrug der Sender NITRO das Rennen in voller Länge im Free-TV, RTL+ ergänzte mit der Qualifying-Berichterstattung, ServusTV On lief parallel kostenlos im Stream.
Allein bei NITRO bescherten die ersten Stunden des Rennens durchschnittlich 300.000 Zuschauer; selbst die Nachtphase ab fünf Uhr morgens kam im Schnitt auf die gleichen Zahlen, in der klassischen Werbezielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil bei 15 Prozent. Übersetzt: Mehr junge Männer sahen in dieser Nacht in Deutschland Motorsport als am Vorabend Tagesschau. Und das über 26 Stunden Sendestrecke hinweg. Als sei das nicht genug, machte Wempe das Paket mit einem Team-Sponsoring neben der Partnerschaft mit dem rennbeteiligten Markenbotschafter Fabian Schiller komplett.
Und man sorgte auch designtechnisch für Aufsehen unter den Fans mit dem HWA EVO.R × WEMPE Art Car, einem Renn-Mercedes, gestaltet von der Hamburger Designerin Hanna Schönwald. Der matt-schwarz lackierte Bolide wurde durch minimalistische Leuchtlinien in der Nacht zum rollenden Kunstwerk, sobald ihn die Scheinwerfer anderer Fahrzeuge anstrahlen. Ein zweiter HWA EVO.R startete als „Team Wempe“ mit DTM-Legende Bruno Spengler am Steuer. Schlauerweise hat sich Wempe als Timing-Partner einen Dreijahresvertrag gesichert.
Nein, man reiste mit zwei Sondermodellen an: dem auf 24 Exemplare limitierten Iron Walker Chrono XL Carbon Model 24h Nürburgring Edition, der 6924 Euro kostet, und dem auf 240 Stück limitierten Zeitmeister Chrono 42 mm für 2924 Euro. Beide gefertigt in der eigenen Manufaktur in Glashütte, beide als deutsche Chronometer zertifiziert. Das Glück traf die Fleißigen: Zunächst ging der Event vor allem sportlich auf. Fabian Schiller, Wempe-Markenbotschafter, gewann mit Maro Engel, Luca Stolz und Maxime Martin im Winward-Mercedes-AMG das Rennen.
Zehn Jahre nach dem letzten AMG-Sieg in der Eifel, nach 24 Stunden Wetterchaos, Strategie-Duellen und permanentem Druck durch das Verstappen-Schwesterauto. Schiller hatte zuvor in einem entscheidenden Rennabschnitt die goldrichtige Reifenentscheidung mitgetragen. In den letzten Rennstunden hielt das Team einen knappen Vorsprung auf den Abt-Lamborghini gegen einen einsetzenden Regen. Wempes Botschafter gewinnt im Premierenjahr der Wempe-Partnerschaft das größte Rennen Deutschlands, vor Rekordpublikum und in einer historischen TV-Reichweite.
Die Mannschaft erhielt die offizielle Wempe-Siegeruhr: Vier Exemplare des auf 24 Stück limitierten Iron Walker Chrono wurden dem Gewinnerteam bei der Siegerehrung am Sonntagnachmittag überreicht. Damit war – neben dem für Schiller persönlich vorab reservierten Stück – ein knappes Viertel der gesamten Produktion bereits vergeben. Auch wirtschaftlich dürfte sich der Event ausgezahlt haben: Der Rest dieser Uhren war laut Firmenkreisen noch während des Rennwochenendes ausverkauft. Die 240er-Edition wird ihren Weg finden, nur etwas weniger schnell.
Was sagt dieses Engagement über Deutschlands größten Luxusjuwelier? Auch Traditionsunternehmen, die eher für Eleganz stehen, lassen Reichweite, die sie eigentlich brauchen, regelmäßig liegen – weil ihr Markenversprechen Distinktion heißt, aber oft in Distanz endet. Bei Zielgruppen von Millennials und Gen Z, die Inklusion und Teilhabe für selbstverständlich halten, ist das gefährlich. Viele Motorsportfans werden vielleicht nie eine Wempe-Filiale betreten, sondern das Geld eher in einen Satz Bremsscheiben für ihr getuntes Auto investieren, aber erstmals hat ein junges Publikum am Wempe-Event-Zelt Schlange gestanden, um im Rennsimulator mitzufahren oder einen Reifenwechsel zu testen.
Dieses Engagement ist der Beweis, dass man eine jüngere Zielgruppe nicht nur mit lustigen Happenings wie einer Royal Pop erreicht, um das Überleben mechanischer Armbanduhren für zukünftige Generationen abzusichern. Entscheidend ist: Man muss die richtige Geschichte liefern. Eine Siegeruhr aus Glashütte am Handgelenk eines deutschen Fahrers, der gerade vor Verstappens Augen das härteste Langstreckenrennen Deutschlands gewonnen hat, ist exakt diese Geschichte. Halten die inhouse produzierten Wempe-Uhren dem Motorsport-Anspruch stand?
Der Iron Walker Chrono XL Carbon Model 24h Nürburgring Edition (der Referenz WI690019) ist zumindest für Wempe-Verhältnisse radikal: 46 Millimeter Carbongehäuse, matt-tiefschwarz mit gewebter Carbon-Struktur auf dem Zifferblatt. Der Boden besteht aus Edelstahl mit schwarzer DLC-Beschichtung. Inklusive Kautschukarmband und Faltschließe wiegt sie nur 157 Gramm, was für eine mechanische Uhr dieser Größe bemerkenswert ist. Das Automatikkaliber der Basis Sellita SW 500 läuft auch mit eingeschaltetem Chronographen-Mechanismus über 56 Stunden, ist in der Sternwarte Glashütte feinreguliert und nach ISO 3159 als deutsches Chronometer zertifiziert.
Kleine Details machen die Uhr besonders: Die goldfarbene „24“ in der Datumsanzeige verweist auf das Rennen, die ebenfalls goldene Stundeneins symbolisiert den ersten Platz, der weiße Tachymeterring trägt den Schriftzug „24h Nürburgring“. Der auf 240 Exemplare limitierte Wempe Zeitmeister Chrono 42 mm der Referenz WM690030 ist das deutlich diskretere Schwesterstück: Edelstahlgehäuse, schwarz DLC-beschichtete Lünette mit gravierter Tachymeterskala. Und im Inneren tickt das robuste Chronographenwerk ETA 7753 mit 48 Stunden Gangreserve, ebenfalls als Deutsches Chronometer zertifiziert. Für Wempe sind die hauseigenen Zeitmeister-Uhren, die man vor genau 20 Jahren erstmals eingeführt hat, inzwischen ein wichtiger Umsatzfaktor neben berühmten Marken wie Rolex und Patek Philippe, die man jeweils als erster deutscher Juwelier führte.
Was Limitierungen dieser Art wirklich verkauft, ist ihre Funktion als materialisierte Erinnerung an ein reales Ereignis in einer zunehmend digital erlebten Welt. Wer am Wochenende des 16. Mai an der Strecke war und Rennsportfan ist, wird auch in zehn Jahren über das Verstappen-Debüt und den Mercedes-Sieg im Regen reden. Dass das Projekt überhaupt entstanden ist, hat einen ganz persönlichen Grund in der Familie Wempe: Chiara Wempe gehört als 27-jährige Kommanditistin und Co-Head of Business Development genau zu der derzeit spannendsten Zielgruppe der Millennials.
Sie ist persönlich bekennender Motorsportfan, die Familie lag sich nach dem Rennsieg mit Freudentränen in den Armen. „Als Fan freue ich mich, Teil dieser Geschichte zu werden und mit unseren Uhren zur Weiterentwicklung des Rennerlebnisses, besonders für die einzigartige 24h-Familie, beizutragen“, sagt sie zur Partnerschaft. Zur Verbindung mit dem Rennstall HWA wird sie konkreter: „Unsere Partnerschaft mit HWA basiert auf einer gemeinsamen Leidenschaft für Präzision und Handwerkskunst. Zu sehen, wie diese Zusammenarbeit in einem so einzigartigen Projekt für die 24h Nürburgring zum Leben erwacht, macht uns unglaublich stolz.“
Das kann sie in vielfacher Hinsicht sein: Von insgesamt 159 Rennfahrzeugen fielen während der 24-stündigen Materialschlacht ganze 48 aus. Eine knapp 30-prozentige Gesamt-Ausfallquote unterstreicht, wie hart das Rennen am Nürburgring wirklich war. Dass alle drei HWA-Rennautos ins Ziel kamen und zwei davon Wempe-Branding trugen (Platz 2 und Platz 4 in ihrer Klasse), ist für ein erstes 24h-Engagement eines komplett neu entwickelten Prototypen-Fahrzeugs ein außergewöhnliches Ergebnis. Es ist daher auch Chiara Wempes Sieg.
Sie war es, die das Engagement durchgesetzt und die Partnerschaften ausgesucht hat – und wer das Haus auch nur halbwegs kennt, weiß, dass ein Rennstrecken-Auftritt für eine Marke, die jahrzehntelang in bester Hamburger Zurückhaltung unterwegs war, intern einige Widerstände überwunden haben muss. Aber gerade ein Familienunternehmen mit fast 150 Jahren Geschichte braucht eben junge Familienmitglieder mit Expertise und der nötigen Hartnäckigkeit, um gegen den gelebten Konsens durchzuhalten. Die Reichweite, die Wempe mit diesem Wochenende eingefahren hat, ist die Rendite für diesen unternehmerischen Mut. Bleibt die Frage, ob Wempe daraus ein System machen kann oder ob es bei einer schönen Episode bleibt.
Der Vertrag läuft bis mindestens 2028, also genau bis zum 150-jährigen Firmenjubiläum, dem kolportierten Termin der Stabübergabe von der vierten zur fünften Generation im Hause Wempe. Wer das Wochenende vom Ring nicht nur als Event-Erfolg, sondern als strategischen Startpunkt liest, wird in drei Jahren eine andere Marke Wempe sehen. Und für die Branche insgesamt formuliert sich daraus eine unbequeme Frage: Wie viele Häuser warten noch darauf, dass die nächste Generation Bühnen findet, die größer sind als ihre eigenen Schaufenster?Lesen Sie hier alle Artikel der UhrenWoche und weitere spannende Geschichten rund um die Trends der Uhrenbranche.