Es ist ein ungewöhnlicher Schritt mit möglicherweise weitreichenden Folgen für Europas größten Autobauer Volkswagen. Susanne Wiegand, ehemalige Chefin des Panzergetriebebauers Renk, zieht zur VW-Hauptversammlung ihre Kandidatur für den Aufsichtsrat des Konzerns überraschend zurück. Damit entsteht in dem Kontrollgremium eine Lücke auf der Kapitalseite. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sagte bei der Aktionärsversammlung am Donnerstag, Wiegand scheide mit Ende der Hauptversammlung aus dem Gremium aus.

Viel Zeit, einen neuen Kandidaten zu nominieren, ist nicht: VW-Chef Oliver Blume will Anfang Juli seine Pläne zum Konzernumbau dem Kontrollgremium vorstellen. Sollte bis dahin kein Nachfolger für Wiegand gefunden sein, trifft er dort auf eine Mehrheit der Arbeitnehmer. Das Ausscheiden von Wiegand sei ein sehr negatives Signal, sagte Tanja Bauer von der Fondsgesellschaft Deka. „Frau Wiegand ist aus unserer Sicht hoch kompetent und die einzige unabhängige Aufsichtsrätin bei Volkswagen.“

Wiegand selbst sagte Reuters, sie habe die Gesamtumstände sorgfältig abgewogen und entschieden, nicht zu kandidieren. „Es war allein meine Entscheidung, die mir nicht leicht gefallen ist.“ Die 54-Jährige war erst im Juli 2025 in den VW-Aufsichtsrat gewählt worden und sollte eigentlich jetzt von der Hauptversammlung offiziell gewählt werden. Im Aufsichtsrat hatte sie dem wichtigen Prüfungsausschuss vorgestanden. Berichten zufolge soll sie unzufrieden damit gewesen sein, dass ihre Ideen nicht immer auf Gehör bei den anderen Aufsichtsratsmitgliedern gestoßen sind.

Dominiert wird die Kapitalseite in dem Gremium von den Vertretern der Eigentümerfamilie Porsche/Piech, die allein fünf Mandate stellt. Zwei Sitze hat das Golfemirat Katar, zwei weitere das Land Niedersachsen. Die Führung und Kontrolle bei Volkswagen stößt bei Fondsgesellschaften und anderen Investoren schon länger auf Kritik. Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS verwies auf den Gewinneinbruch im vergangenen Jahr.

„Das ist kein Zufall“, sagte er. „Vielmehr zahlt Volkswagen heute den Preis für ein Governance-System, das Macht sichert, aber Verantwortung verwässert.“ Volkswagen bleibe ein Familienunternehmen mit erheblichem Reformbedarf bei Unabhängigkeit, Nachfolgeplanung und Kontrolle. Juli soll der Aufsichtsrat über die Umbaupläne von Blume abstimmen, mit denen der Konzern sich wetterfest aufstellen und die Rendite bis 2030 auf acht bis zehn Prozent treiben will. In diesem Jahr soll sie gerade einmal halb so hoch ausfallen.

Blume sagte, der Umbau sei kein Projekt mit Anfang und Ende, sondern eine Daueraufgabe. Maßgabe sei der Fokus auf das Kerngeschäft. Notwendig wurden die zusätzlichen Einsparungen nach Einschätzung des VW-Vorstands durch den massiven Gegenwind, mit dem sich das Unternehmen konfrontiert sieht. Blume sprach von finanziellen Gegeneffekten, welche die Gewinnmarge um mehr als fünf Prozent drückten und die kompensiert werden müssten.

Dabei spielen unter anderem die Zölle von US-Präsident Donald Trump, die insbesondere der Ingolstädter Tochter Audi das Leben schwer machen, und der massive Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter in Europa eine Rolle. Finanzchef Arno Antlitz sagte, auf allen Ebenen seien Verbesserungen nötig. „Wir benötigen wettbewerbsfähige Kosten, um im Wettbewerb zu bestehen.“ Insbesondere könne sich Volkswagen nicht mit unterausgelasteten Fabriken behaupten, wenn chinesische Hersteller im Osten und Süden Europas mit neuen effizienten Fabriken auf den Markt kämen. So nimmt BYD in diesem Jahr ein Werk in Ungarn in Betrieb und sucht zusätzlich einen Standort in Südeuropa, etwa in Spanien.

Die Opel-Mutter Stellantis arbeitet mit Leapmotor zusammen, Chery hat Fertigungslinien von Nissan übernommen. Die chinesischen Firmen wollen damit die Einfuhrzölle der Europäischen Union auf Elektroautos aus China umgehen und sich für die geplanten Made-In-Europe-Regelungen des „Industrial Accelerator Act“ der EU rüsten. Blume will nun acht Hebel ansetzen. So soll das Unternehmen mit weniger Modell-Varianten auskommen, auch die Zahl der technologischen Plattformen soll reduziert werden.

Der Konzern soll sich noch stärker regional aufstellen, wie er es in China bereits gemacht hat, Überkapazitäten sollen reduziert werden. Blume hatte angekündigt, sich langfristig auf einen Jahresabsatz von neun Millionen Autos einzustellen, dafür sollen in Europa noch Kapazitäten für den Bau von 500.000 Autos wegfallen. Auch die Zahl der Beteiligungen soll weiter sinken. Derzeit läuft der Verkauf der Mehrheit an dem Motorenbauer Everllence, für den noch drei Bieter im Rennen sind.

Zuletzt hat sich die Volkswagen-Tochter Porsche von ihrer Beteiligung am Supersportwagenbauer Bugatti getrennt. Einschnitte plant Blume auch im Management. Zentrale Funktionen wie Entwicklung, Beschaffung, Produktion und Vertrieb habe das Unternehmen unter seiner Führung gebündelt. Nun soll die Zahl der Hierarchieebenen weiter sinken und die Konzernsteuerung verbessert werden.

Erst kurz vor Weihnachten 2024 hatte sich VW mit den Arbeitnehmern auf den Abbau von 35.000 Stellen in Deutschland geeinigt. Insgesamt fallen in dem Konzern 50.000 Jobs weg Lesen Sie auch: 19.000 abgebaute Stellen bis Jahresende – wie VW sich kleiner spart – und trotzdem teurer wird