Dass seine Bestimmung in der Luft liegt, merkt William Boeing bereits mit 14 Jahren. 1896 steigt er am Ufer der Arve in Genf erstmals in die Lüfte. Die Leidenschaft für das Fliegen, die an diesem Tag geweckt ist, wird ihn nie mehr loslassen. Doch es braucht zunächst Geduld, bis der Sohn eines aus Westfalen in die USA eingewanderten Holzhändlers ihr frönen kann: Erst 1903 gelingt der erste gelenkte Motorflug.
Im selben Jahr verlässt der inzwischen 22-jährige Boeing die Yale University ohne Abschluss, um in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters zu treten. Er steigt ins Holzgeschäft ein, wird durch Geschäftssinn im Bauboom zu einem der reichsten Männer der Region. Und erlangt so das Geld, um sich endlich einem kostspieligen Hobby zu widmen: dem Fliegen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Piloten zu überreden, ihn mitzunehmen, darf Boeing 1914 endlich in einem richtigen Flugzeug Platz nehmen.
Es fühle sich an, so berichtet er später, als hätte er nach langer Zeit einen „alten Freund“ wiedergesehen. Und er will ihn jetzt immer wiedersehen. Mehr als das: Nach der Landung sagt er zu einem Freund einen schicksalhaften Satz: „Ich glaube, wir beide könnten eine viel bessere Flugmaschine bauen.“ 1916 gründet Boeing zu diesem Zweck die spätere Boeing Airplane Company.
Doch das Geschäft läuft holprig. Ende 1919 erwägt er die Schließung. Es kommt anders, dank Boeings Geschäftssinn: In den 1920er-Jahren schafft er sich seinen Markt selbst, transportiert erst Post, dann auch Passagiere – aus Luftpost wird Luftverkehr. Boeing expandiert, kauft Airlines, Zulieferer und Motorenbauer.
Und aus der kleinen Firma, die 1919 kurz vor dem Ende stand, wird innerhalb einer Dekade ein ganzes Luftfahrtimperium. Doch genau diese Größe wird zum Problem. Im Februar 1934 muss Boeing vor einem Senatsausschuss aussagen. Senator Hugo Black untersucht die Vergabe von Luftpostverträgen und rechnet Millionenprofite vor.
Boeing verweist auf eigenes Risikokapital – vergeblich. Die Zeitungen im ganzen Land schreiben über seine Gier und Macht. Er nennt die Anhörung später die „Black Inquisition“, fühlt sich gedemütigt. Als sein Imperium schließlich im September 1934 zerschlagen wird, verkauft Boeing alle Aktien, die er noch besitzt.
Und: Er beschließt, sich für immer aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Fortan lebt er als Privatier zwischen einer Farm und seiner Luxusyacht. Im Zweiten Weltkrieg berät er Boeing noch einmal kurz, unentgeltlich. Als 1954 die Dash 80, der Prototyp der späteren Boeing 707, getauft wird, ist er dann noch einmal als Ehrengast dabei.
Es ist sein einziger Besuch bei dem Unternehmen, das seinen Namen trägt, in einer ganzen Dekade. Und es wird sein letzter sein. September 1956, drei Tage vor seinem 75. Geburtstag, stirbt William Boeing an Bord seiner Yacht an einem Herzinfarkt.
Hören Sie hier unseren ausführlichen Podcast zu William Boeing: